Entladung-von-Hilfsguetern-nach-dem-Erdbeben-in-Venezuela

„Unsere Partner sind das Rückgrat der Nothilfe“

Prakash Thakur koor­di­niert Nothilfeeinsätze bei ADRA Deutschland. Im Interview berich­tet er über sei­ne Arbeit – zum Beispiel, wie die ers­ten 24 Stunden nach einer Katastrophe ablau­fen und wel­che Herausforderungen am größ­ten sind.

1. Lieber Prakash, welche Rolle spielen unsere Partnerorganisationen in der Nothilfe? Und wie wird die Wirkung ihrer Arbeit überprüft und gemessen?

Prakash: Unsere Partner sind das Rückgrat unse­rer Nothilfe und leis­ten vor Ort die ers­te Unterstützung. Da sie den betrof­fe­nen Gemeinschaften nahe­ste­hen und bereits mit loka­len Behörden und huma­ni­tä­ren Netzwerken zusam­men­ar­bei­ten, kön­nen sie schnell han­deln.

Unmittelbar nach einer Katastrophe neh­men wir Kontakt mit dem ADRA-Büro im betrof­fe­nen Land auf. Zunächst ver­ge­wis­sern wir uns, dass die Mitarbeitenden und ihre Familien in Sicherheit sind. Anschließend ver­schaf­fen wir uns einen Überblick über das Ausmaß und die Folgen der Katastrophe sowie über die Abstimmung mit den betrof­fe­nen Gemeinschaften, den Behörden und den Foren oder Koordinierungsgruppen von Nichtregierungsorganisationen.

In den ers­ten 24 Stunden ste­hen häu­fig nur begrenz­te Informationen zur Verfügung und die Lage ver­än­dert sich lau­fend. Unsere Partner füh­ren schnel­le Erhebungen durch, erstel­len Lageberichte, ermit­teln den huma­ni­tä­ren Bedarf und bestehen­de Versorgungslücken und ent­wi­ckeln ers­te Hilfspläne. Diese wer­den anschlie­ßend mit dem ADRA-Netzwerk und wich­ti­gen Beteiligten geteilt. Bevor wir Informationen an Geldgeber sowie Unterstützerinnen und Unterstützer wei­ter­ge­ben, über­prü­fen wir sie anhand meh­re­rer Quellen.

Bei der Planung eines Projekts wer­den kla­re Ziele, erwar­te­te Ergebnisse sowie ein Konzept zur Wirkungskontrolle und Evaluierung fest­ge­legt. Etablierte Berichts‑, Beschwerde- und Rückmeldemechanismen wer­den regel­mä­ßig über­prüft. Nach Verteilungen wird außer­dem kon­trol­liert, ob die geleis­te­te Hilfe wirk­sam war und die betrof­fe­nen Menschen tat­säch­lich erreicht hat.

2. Wie sieht eine Bedarfsanalyse aus und welche Herausforderungen gibt es?

Prakash: Bedarfsanalysen umfas­sen häu­fig meh­re­re Bereiche. So kön­nen wir ver­ste­hen, wie sich eine Katastrophe auf unter­schied­li­che Lebensbereiche aus­wirkt, und die Hilfsmaßnahmen von ADRA in den ver­schie­de­nen Phasen ent­spre­chend prio­ri­sie­ren.

Dabei wer­den Informationen über die ent­stan­de­nen Schäden, die Unterbrechung grund­le­gen­der Versorgungsleistungen, die Situation auf den loka­len Märkten sowie die Zahl der betrof­fe­nen Menschen gesam­melt. Dazu gehö­ren auch Menschen, die eva­ku­iert oder in Evakuierungszentren und Notunterkünften unter­ge­bracht wur­den. Ebenso wer­den die Bedingungen in die­sen Einrichtungen unter­sucht.

Darüber hin­aus ermit­teln wir die drin­gends­ten Bedürfnisse der betrof­fe­nen Bevölkerung und ver­schaf­fen uns einen Überblick über die bereits lau­fen­den Hilfsmaßnahmen staat­li­cher Stellen und huma­ni­tä­rer Organisationen. So kön­nen noch bestehen­de Versorgungslücken erkannt wer­den. Auf Grundlage die­ser Informationen legen ADRA und ihre Partnerorganisationen die Einsatzorte fest, for­mu­lie­ren die Projektziele und ent­wi­ckeln einen bedarfs­ge­rech­ten, fak­ten­ba­sier­ten Hilfsplan.

Eine der größ­ten Herausforderungen bei den ers­ten schnel­len Erhebungen ist der Zugang zu den betrof­fe­nen Gebieten. Nach Katastrophen sind Transportmöglichkeiten oft ein­ge­schränkt, Straßen beschä­digt, Zugangswege durch Erdrutsche oder Trümmer blo­ckiert. Mitunter erschwe­ren auch Spannungen inner­halb der Bevölkerung den Zugang.

Zuverlässige Informationen sind eben­falls nur begrenzt ver­füg­bar, da vie­le wich­ti­ge Akteure zunächst mit lebens­ret­ten­den Maßnahmen beschäf­tigt sind – etwa mit der Suche und Rettung von Verschütteten, Evakuierungen und der unmit­tel­ba­ren Versorgung der Betroffenen. Kommunikationsausfälle, Sicherheitsrisiken und logis­ti­sche Einschränkungen erschwe­ren die Erhebungen zusätz­lich. Vor allem in den ers­ten 24 bis 48 Stunden nach einer Katastrophe ist die Abstimmung mit staat­li­chen Behörden und ande­ren wich­ti­gen huma­ni­tä­ren Organisationen häu­fig schwie­rig.

3. Wie stimmt sich ADRA mit lokalen Behörden und anderen humanitären Organisationen ab, damit die Hilfe die am stärksten betroffenen Menschen erreicht?

Prakash: Die Zusammenarbeit und Vernetzung mit loka­len Behörden und ande­ren huma­ni­tä­ren Organisationen ist ein kon­ti­nu­ier­li­cher Prozess, der bereits außer­halb aku­ter Krisenzeiten statt­fin­det. ADRA ist ein Netzwerk lokal regis­trier­ter Organisationen, das in mehr als 120 Ländern tätig ist. Dadurch bestehen bewähr­te Abstimmungsmechanismen mit staat­li­chen Behörden, Organisationen der Vereinten Nationen und ande­ren huma­ni­tä­ren Akteuren.

Die Zusammenarbeit erfolgt unter ande­rem über the­ma­ti­sche Koordinierungsplattformen wie das soge­nann­te Clustersystem. Diese Plattformen wer­den in der Regel von UN-Organisationen oder ande­ren Organisationen gelei­tet, die für den jewei­li­gen Hilfsbereich ver­ant­wort­lich sind. In den Ländern, in denen ADRA tätig ist, enga­gie­ren wir uns außer­dem aktiv in ver­schie­de­nen natio­na­len und regio­na­len Koordinierungsgremien und huma­ni­tä­ren Foren.

Im Katastrophenfall wer­den die­se Mechanismen akti­viert. Die betei­lig­ten Organisationen tei­len regel­mä­ßig Informationen dar­über, wer was, wo und für wen tut – die soge­nann­ten „4Ws“. Dadurch sol­len Doppelstrukturen ver­mie­den, Versorgungslücken erkannt und die ver­füg­ba­ren Mittel mög­lichst effi­zi­ent ein­ge­setzt wer­den. Wo es kei­ne for­mel­len Koordinierungsmechanismen gibt, über­neh­men in der Regel die loka­len Behörden die Leitung.

Die Ergebnisse schnel­ler Bedarfsanalysen und die Erfassung aller betei­lig­ten Akteure hel­fen uns dabei, die drin­gends­ten Bedürfnisse, bereits lau­fen­de Hilfsmaßnahmen und noch bestehen­de Lücken zu erken­nen. So kön­nen Organisationen Art und Umfang der benö­tig­ten Unterstützung bestim­men. Dadurch ergänzt ihre Hilfe die bereits lau­fen­den Maßnahmen, anstatt die­se zu wie­der­ho­len.

4. Wie sorgt ADRA bei einem Nothilfeeinsatz für die Sicherheit der Helferinnen und Helfer sowie der betroffenen Menschen? Und wie wird gewährleistet, dass Hilfsgüter unter sicheren Bedingungen verteilt werden?

Prakash: Die Sicherheit der Helferinnen und Helfer sowie der betrof­fe­nen Menschen hat für ADRA höchs­te Priorität. Wir set­zen ver­schie­de­ne Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen um, damit unse­re Mitarbeitenden sicher vor Ort arbei­ten kön­nen und die betrof­fe­ne Bevölkerung die huma­ni­tä­re Hilfe in einer geschütz­ten, wür­de­vol­len und respekt­vol­len Umgebung erhält.

ADRA ver­fügt über umfas­sen­de Sicherheits- und Schutzrichtlinien sowie fest­ge­leg­te Standardverfahren. Die Mitarbeitenden neh­men regel­mä­ßig an Sicherheitstrainings und Lagebesprechungen teil und wer­den zu den gel­ten­den Schutzmaßnahmen geschult.

Um die Sicherheit und den Schutz der betrof­fe­nen Menschen zu gewähr­leis­ten, wer­den alle huma­ni­tä­ren Maßnahmen eng mit loka­len Behörden, den betrof­fe­nen Gemeinschaften, Verantwortlichen vor Ort und wei­te­ren rele­van­ten Beteiligten abge­stimmt. Besonders gefähr­de­te Personen und Haushalte wer­den gezielt ermu­tigt und dabei unter­stützt, sich an Entscheidungsprozessen zu betei­li­gen. Dazu gehö­ren Bedarfsanalysen, die Planung der Hilfsmaßnahmen, die Auswahl der unter­stütz­ten Personen und die Organisation der Verteilungen.

Alle Maßnahmen wer­den im Einklang mit den huma­ni­tä­ren Grundsätzen und Standards umge­setzt. Dabei ach­ten wir auf Transparenz, Rechenschaftspflicht, Unparteilichkeit und eine wirk­sa­me Kommunikation mit den betrof­fe­nen Gemeinschaften.

ADRA rich­tet leicht zugäng­li­che Beschwerde- und Rückmeldemöglichkeiten ein. Dadurch kön­nen Menschen ihre Anliegen äußern, Rückmeldungen geben und Probleme sicher und ver­trau­lich mel­den. Wir stel­len sicher, dass die­se Hinweise zeit­nah bear­bei­tet wer­den.

Die Kriterien für den Erhalt von Hilfe wer­den früh­zei­tig bekannt gege­ben. So wis­sen die Menschen, wer Anspruch auf Unterstützung hat und wel­che Hilfe bereit­ge­stellt wird. Orte und Zeiten der Verteilungen wer­den gemein­sam mit den betrof­fe­nen Menschen und den Verantwortlichen vor Ort geplant, damit alle einen siche­ren und gleich­be­rech­tig­ten Zugang erhal­ten. Darüber hin­aus über­prü­fen wir wäh­rend und nach den Verteilungen umfas­send die Qualität und Wirksamkeit der Hilfe, die Einhaltung unse­rer Rechenschaftspflicht sowie den Schutz der unter­stütz­ten Menschen.

5. An welchem Nothilfeeinsatz warst du zuletzt beteiligt?

Prakash: Zuletzt war ich an der Koordination der Nothilfe nach dem Erdbeben in Venezuela betei­ligt und habe den Einsatz aus der Ferne unter­stützt. Zu mei­nen Aufgaben gehör­te es, aktu­el­le Informationen unse­rer Partnerorganisation zu sam­meln und zu über­prü­fen, Lageberichte aus­zu­wer­ten und mit Geldgebern sowie huma­ni­tä­ren Netzwerken zu tei­len. Außerdem habe ich dazu bei­getra­gen, die benö­tig­ten Mittel recht­zei­tig zu mobi­li­sie­ren und ihre Bereitstellung für das aus­füh­ren­de ADRA-Büro zu koor­di­nie­ren. So konn­te die huma­ni­tä­re Hilfe schnell und wirk­sam geleis­tet wer­den.

Zuvor war ich auch selbst bei meh­re­ren gro­ßen Katastrophen und Krisen welt­weit im Einsatz – unter ande­rem im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien, der Rohingya-Flüchtlingskrise in Bangladesch und dem Erdbeben in Nepal. Bei die­sen Einsätzen koor­di­nier­te ich Nothilfemaßnahmen, unter­stütz­te Bedarfsanalysen, stimm­te mich mit huma­ni­tä­ren Partnerorganisationen und staat­li­chen Behörden ab und wirk­te an der Planung und Umsetzung lebens­ret­ten­der Hilfsmaßnahmen mit.

Teilen auf:

Helfen Sie Menschen in Not durch eine Spende. Gezielt kön­nen Sie Projekte und Kampagnen unter­stüt­zen.

Sie suchen ein Geschenk für jeman­den? Wie wäre es mit einem Geschenk aus unse­rem ADRA-Spendenshop?

Weitere Themen

Themen

„Unsere Partner sind das Rückgrat der Nothilfe“

Prakash Thakur koor­di­niert Nothilfeeinsätze bei ADRA Deutschland. Im Interview berich­tet er über sei­ne Arbeit – zum Beispiel, wie die ers­ten 24 Stunden nach einer Katastrophe ablau­fen und wel­che Herausforderungen am größ­ten sind. › mehr dazu

Menschen legen Hände übereinander als Zeichen für Solidarität – Petition „Solidarität nicht kaputtsparen“ zur Unterstützung internationaler Hilfe
Petition

Petition „Solidarität nicht kaputtsparen”

Die Petition „Solidarität nicht kaputt­spa­ren“ rich­tet sich gegen geplan­te Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und der huma­ni­tä­ren Hilfe. Diese bedro­hen lebens­wich­ti­ge Unterstützung für Millionen Menschen welt­weit. Setzen Sie jetzt ein Zeichen und hel­fen Sie, die­se Hilfe zu sichern. › mehr dazu

Rettungskräfte suchen nach den schweren Erdbeben in Venezuela in den Trümmern eingestürzter Gebäude nach Überlebenden.
Themen

Schwere Erdbeben treffen das Herz Venezuelas

++++ UPDATE vom 03.07.2026 ++++
Zehn Tage nach den schwe­ren Erdbeben vom 24. Juni 2026 steigt die Zahl der Todesopfer wei­ter an. Bislang wur­den mehr als 2.000 Menschen tot gebor­gen. Tausende Menschen gel­ten wei­ter­hin als ver­misst. Über sechs Millionen Menschen sind von den Folgen der Katastrophe betrof­fen. › mehr dazu

Wiedersehen

geht schneller über
unseren Newsletter

Bleiben Sie informiert und erhalten Sie regelmäßig Informationen über unsere Aktivitäten und Projekte.

Wiedersehen

geht schneller über
unseren Newsletter

Bleiben Sie informiert und erhalten Sie
regelmäßig Informationen über unsere
Aktivitäten und Projekte.

Aktuelle Neuigkeiten

Einblicke in unsere Projekte

Gemeinsam mehr bewirken

Datenschutz garantiert. Jederzeit abbestellbar.