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„Unsere Partner sind das Rückgrat der Nothilfe“
Prakash Thakur
Teamleiter Katastrophenrisikomanagement
Prakash Thakur koordiniert Nothilfeeinsätze bei ADRA Deutschland. Im Interview berichtet er über seine Arbeit – zum Beispiel, wie die ersten 24 Stunden nach einer Katastrophe ablaufen und welche Herausforderungen am größten sind.
1. Lieber Prakash, welche Rolle spielen unsere Partnerorganisationen in der Nothilfe? Und wie wird die Wirkung ihrer Arbeit überprüft und gemessen?
Prakash: Unsere Partner sind das Rückgrat unserer Nothilfe und leisten vor Ort die erste Unterstützung. Da sie den betroffenen Gemeinschaften nahestehen und bereits mit lokalen Behörden und humanitären Netzwerken zusammenarbeiten, können sie schnell handeln.
Unmittelbar nach einer Katastrophe nehmen wir Kontakt mit dem ADRA-Büro im betroffenen Land auf. Zunächst vergewissern wir uns, dass die Mitarbeitenden und ihre Familien in Sicherheit sind. Anschließend verschaffen wir uns einen Überblick über das Ausmaß und die Folgen der Katastrophe sowie über die Abstimmung mit den betroffenen Gemeinschaften, den Behörden und den Foren oder Koordinierungsgruppen von Nichtregierungsorganisationen.
In den ersten 24 Stunden stehen häufig nur begrenzte Informationen zur Verfügung und die Lage verändert sich laufend. Unsere Partner führen schnelle Erhebungen durch, erstellen Lageberichte, ermitteln den humanitären Bedarf und bestehende Versorgungslücken und entwickeln erste Hilfspläne. Diese werden anschließend mit dem ADRA-Netzwerk und wichtigen Beteiligten geteilt. Bevor wir Informationen an Geldgeber sowie Unterstützerinnen und Unterstützer weitergeben, überprüfen wir sie anhand mehrerer Quellen.
Bei der Planung eines Projekts werden klare Ziele, erwartete Ergebnisse sowie ein Konzept zur Wirkungskontrolle und Evaluierung festgelegt. Etablierte Berichts‑, Beschwerde- und Rückmeldemechanismen werden regelmäßig überprüft. Nach Verteilungen wird außerdem kontrolliert, ob die geleistete Hilfe wirksam war und die betroffenen Menschen tatsächlich erreicht hat.
2. Wie sieht eine Bedarfsanalyse aus und welche Herausforderungen gibt es?
Prakash: Bedarfsanalysen umfassen häufig mehrere Bereiche. So können wir verstehen, wie sich eine Katastrophe auf unterschiedliche Lebensbereiche auswirkt, und die Hilfsmaßnahmen von ADRA in den verschiedenen Phasen entsprechend priorisieren.
Dabei werden Informationen über die entstandenen Schäden, die Unterbrechung grundlegender Versorgungsleistungen, die Situation auf den lokalen Märkten sowie die Zahl der betroffenen Menschen gesammelt. Dazu gehören auch Menschen, die evakuiert oder in Evakuierungszentren und Notunterkünften untergebracht wurden. Ebenso werden die Bedingungen in diesen Einrichtungen untersucht.
Darüber hinaus ermitteln wir die dringendsten Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung und verschaffen uns einen Überblick über die bereits laufenden Hilfsmaßnahmen staatlicher Stellen und humanitärer Organisationen. So können noch bestehende Versorgungslücken erkannt werden. Auf Grundlage dieser Informationen legen ADRA und ihre Partnerorganisationen die Einsatzorte fest, formulieren die Projektziele und entwickeln einen bedarfsgerechten, faktenbasierten Hilfsplan.
Eine der größten Herausforderungen bei den ersten schnellen Erhebungen ist der Zugang zu den betroffenen Gebieten. Nach Katastrophen sind Transportmöglichkeiten oft eingeschränkt, Straßen beschädigt, Zugangswege durch Erdrutsche oder Trümmer blockiert. Mitunter erschweren auch Spannungen innerhalb der Bevölkerung den Zugang.
Zuverlässige Informationen sind ebenfalls nur begrenzt verfügbar, da viele wichtige Akteure zunächst mit lebensrettenden Maßnahmen beschäftigt sind – etwa mit der Suche und Rettung von Verschütteten, Evakuierungen und der unmittelbaren Versorgung der Betroffenen. Kommunikationsausfälle, Sicherheitsrisiken und logistische Einschränkungen erschweren die Erhebungen zusätzlich. Vor allem in den ersten 24 bis 48 Stunden nach einer Katastrophe ist die Abstimmung mit staatlichen Behörden und anderen wichtigen humanitären Organisationen häufig schwierig.
3. Wie stimmt sich ADRA mit lokalen Behörden und anderen humanitären Organisationen ab, damit die Hilfe die am stärksten betroffenen Menschen erreicht?
Prakash: Die Zusammenarbeit und Vernetzung mit lokalen Behörden und anderen humanitären Organisationen ist ein kontinuierlicher Prozess, der bereits außerhalb akuter Krisenzeiten stattfindet. ADRA ist ein Netzwerk lokal registrierter Organisationen, das in mehr als 120 Ländern tätig ist. Dadurch bestehen bewährte Abstimmungsmechanismen mit staatlichen Behörden, Organisationen der Vereinten Nationen und anderen humanitären Akteuren.
Die Zusammenarbeit erfolgt unter anderem über thematische Koordinierungsplattformen wie das sogenannte Clustersystem. Diese Plattformen werden in der Regel von UN-Organisationen oder anderen Organisationen geleitet, die für den jeweiligen Hilfsbereich verantwortlich sind. In den Ländern, in denen ADRA tätig ist, engagieren wir uns außerdem aktiv in verschiedenen nationalen und regionalen Koordinierungsgremien und humanitären Foren.
Im Katastrophenfall werden diese Mechanismen aktiviert. Die beteiligten Organisationen teilen regelmäßig Informationen darüber, wer was, wo und für wen tut – die sogenannten „4Ws“. Dadurch sollen Doppelstrukturen vermieden, Versorgungslücken erkannt und die verfügbaren Mittel möglichst effizient eingesetzt werden. Wo es keine formellen Koordinierungsmechanismen gibt, übernehmen in der Regel die lokalen Behörden die Leitung.
Die Ergebnisse schneller Bedarfsanalysen und die Erfassung aller beteiligten Akteure helfen uns dabei, die dringendsten Bedürfnisse, bereits laufende Hilfsmaßnahmen und noch bestehende Lücken zu erkennen. So können Organisationen Art und Umfang der benötigten Unterstützung bestimmen. Dadurch ergänzt ihre Hilfe die bereits laufenden Maßnahmen, anstatt diese zu wiederholen.
4. Wie sorgt ADRA bei einem Nothilfeeinsatz für die Sicherheit der Helferinnen und Helfer sowie der betroffenen Menschen? Und wie wird gewährleistet, dass Hilfsgüter unter sicheren Bedingungen verteilt werden?
Prakash: Die Sicherheit der Helferinnen und Helfer sowie der betroffenen Menschen hat für ADRA höchste Priorität. Wir setzen verschiedene Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen um, damit unsere Mitarbeitenden sicher vor Ort arbeiten können und die betroffene Bevölkerung die humanitäre Hilfe in einer geschützten, würdevollen und respektvollen Umgebung erhält.
ADRA verfügt über umfassende Sicherheits- und Schutzrichtlinien sowie festgelegte Standardverfahren. Die Mitarbeitenden nehmen regelmäßig an Sicherheitstrainings und Lagebesprechungen teil und werden zu den geltenden Schutzmaßnahmen geschult.
Um die Sicherheit und den Schutz der betroffenen Menschen zu gewährleisten, werden alle humanitären Maßnahmen eng mit lokalen Behörden, den betroffenen Gemeinschaften, Verantwortlichen vor Ort und weiteren relevanten Beteiligten abgestimmt. Besonders gefährdete Personen und Haushalte werden gezielt ermutigt und dabei unterstützt, sich an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Dazu gehören Bedarfsanalysen, die Planung der Hilfsmaßnahmen, die Auswahl der unterstützten Personen und die Organisation der Verteilungen.
Alle Maßnahmen werden im Einklang mit den humanitären Grundsätzen und Standards umgesetzt. Dabei achten wir auf Transparenz, Rechenschaftspflicht, Unparteilichkeit und eine wirksame Kommunikation mit den betroffenen Gemeinschaften.
ADRA richtet leicht zugängliche Beschwerde- und Rückmeldemöglichkeiten ein. Dadurch können Menschen ihre Anliegen äußern, Rückmeldungen geben und Probleme sicher und vertraulich melden. Wir stellen sicher, dass diese Hinweise zeitnah bearbeitet werden.
Die Kriterien für den Erhalt von Hilfe werden frühzeitig bekannt gegeben. So wissen die Menschen, wer Anspruch auf Unterstützung hat und welche Hilfe bereitgestellt wird. Orte und Zeiten der Verteilungen werden gemeinsam mit den betroffenen Menschen und den Verantwortlichen vor Ort geplant, damit alle einen sicheren und gleichberechtigten Zugang erhalten. Darüber hinaus überprüfen wir während und nach den Verteilungen umfassend die Qualität und Wirksamkeit der Hilfe, die Einhaltung unserer Rechenschaftspflicht sowie den Schutz der unterstützten Menschen.
5. An welchem Nothilfeeinsatz warst du zuletzt beteiligt?
Prakash: Zuletzt war ich an der Koordination der Nothilfe nach dem Erdbeben in Venezuela beteiligt und habe den Einsatz aus der Ferne unterstützt. Zu meinen Aufgaben gehörte es, aktuelle Informationen unserer Partnerorganisation zu sammeln und zu überprüfen, Lageberichte auszuwerten und mit Geldgebern sowie humanitären Netzwerken zu teilen. Außerdem habe ich dazu beigetragen, die benötigten Mittel rechtzeitig zu mobilisieren und ihre Bereitstellung für das ausführende ADRA-Büro zu koordinieren. So konnte die humanitäre Hilfe schnell und wirksam geleistet werden.
Zuvor war ich auch selbst bei mehreren großen Katastrophen und Krisen weltweit im Einsatz – unter anderem im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, dem Erdbeben und Tsunami in Indonesien, der Rohingya-Flüchtlingskrise in Bangladesch und dem Erdbeben in Nepal. Bei diesen Einsätzen koordinierte ich Nothilfemaßnahmen, unterstützte Bedarfsanalysen, stimmte mich mit humanitären Partnerorganisationen und staatlichen Behörden ab und wirkte an der Planung und Umsetzung lebensrettender Hilfsmaßnahmen mit.
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