Ein Mann und eine Frau stehen vor einem ADRA-LKW in der Ukraine, welcher Hilfspakete an die Betroffenen aushändigt.
Ein Mann und eine Frau stehen vor einem ADRA-LKW in der Ukraine, welcher Hilfspakete an die Betroffenen aushändigt.

Interview zum Jahrestag: Kriegsausbruch in der Ukraine

Mit Projektkoordinator Bert Seefeldt und Referent Öffentlichkeitsarbeit Matthias Münz

Bert Seefeldt, Projektkoordinator ADRA Deutschland e.V.

  • Matthias Münz: Lieber Bert, vielen Dank, dass du dir heute die Zeit genommen hast, um mit uns über den Einsatz Nothilfe Ukraine zu sprechen. Wir haben ja zwei Arme der Nothilfe: Die Auslandshilfe in der Ukraine und den Nachbarländern und der zweite Arm ist die Inlandshilfe in Deutschland. Du warst ja nicht von Anfang an dabei, sondern bist relativ früh zu uns gestoßen. Wann war das und was waren deine Aufgaben?

  • Bert Seefeldt: Ich bin am 1. April zu ADRA gekommen und habe mich ein bisschen ins gemachte Nest gesetzt. Wesentliche Dinge waren vom Team schon auf den Weg gebracht worden. Es war schon klar, wie wir helfen wollen. Meine Aufgabe war dann die Umsetzung, das heißt, die Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge in Deutschland zu organisieren. Es war klar, dass wir Bargeld auszahlen, wir haben auch erste psychosoziale Projekte gestartet. Ein großer Block war der Aufbau der Flüchtlingsunterkunft in Kirchhundem, NRW. Am Anfang waren wir sehr stark im Krisenmodus.

  • Matthias Münz: Ja, die Situation war diffus. ADRA Ukraine war auf diesen Angriff vorbereitet. Sie waren sehr vorausschauend in dem, was sie getan haben. Man muss aber auch sagen, dass viele vom Krieg kalt erwischt wurden und in Windeseile Strukturen aufgebaut haben, um Hilfe leisten zu können.  Wie hat sich die Hilfe aus deiner Sicht im Laufe der Zeit verändert und angepasst?
     
  • Bert Seefeldt: Am Anfang haben wir uns natürlich auf das „Wie“ konzentriert. Wie können wir die Flüchtlinge versorgen, wie können wir sie unterbringen? Und auch die große Frage: Wie reagieren die Ämter vor Ort, wie gehen die Behörden damit um? All diese Fragen mussten erst einmal geklärt werden. Jetzt geht es mehr in Richtung Integration. Sprache lernen, Arbeit finden, vielleicht eine eigene Wohnung. Das sind nun die großen Herausforderungen. Für die Flüchtlinge selbst ist es sehr schwer einzuschätzen. Bleibe ich in Deutschland oder gehe ich zurück. Und wenn ja, wann komme ich zurück? Das sind natürlich alles sehr schwierige Fragen. Die Antwort darauf entscheidet auch darüber, ob ich mich hier integrieren will oder ob ich eigentlich nur Gast bin, bis der Krieg vorbei ist. Es geht um mehr, als den Menschen nur ein Dach über dem Kopf zu geben. 

  • Matthias Münz: Die Flüchtlingsunterkunft steht. Es ist beeindruckend, wie sich die Menschen vor Ort, also die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch der ganze Ort engagieren. Wie erlebst du die Zusammenarbeit? 

  • Bert Seefeldt: Wir mussten damals sehr kurzfristig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter suchen und einstellen. Und das hat funktioniert. Wir haben ein gutes Angebot geschaffen, was natürlich auch dazu führt, dass die Flüchtlinge die Einrichtung nicht so gerne verlassen. Ich sitze in der Zentrale, schaffe die Rahmenbedingungen, damit andere helfen können.  Das andere ist die Sprache. Mein Ukrainisch ist nicht besser geworden. Das macht es sehr schwierig und ich kann nur erahnen, wie es den vielen Freiwilligen ging, die sich um die Flüchtlinge gekümmert haben. Und ich bin sehr beeindruckt von der großen Solidarität, die wir in Deutschland erfahren haben. 

  • Matthias Münz: Wir gehen jetzt in das zweite Jahr des Krieges in der Ukraine. Wie wird sich deiner Meinung nach die Inlandshilfe von ADRA entwickeln? 

  • Bert Seefeldt: Im Moment ist etwas Ruhe eingekehrt. Das heißt, wir haben laufende Projekte und arbeiten parallel an der Dokumentation und Auswertung.  Ich hatte im Winter aufgrund der zerstörten Infrastruktur in der Ukraine mit einer neuen Fluchtbewegung gerechnet. Das ist nicht eingetreten. Aber die Frage ist, wie lange diese Welle anhält? Das hängt sicher von möglichen militärischen Invasionen in der Zukunft ab. Aber darauf müssen wir uns vorbereiten. Auch vor dem Hintergrund, dass viele private Unterkünfte nicht mehr zur Verfügung stehen. Familien brauchen eigene Wohnungen. Auf der anderen Seite müssen wir unsere Integrationsbemühungen verstärken, um den Ukrainerinnen und Ukrainern ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das heißt, Arbeit zu finden, eine eigene Wohnung zu haben und sich so ein eigenes Leben in Deutschland aufzubauen. Im Dezember gab es eine Studie des Bundesinnenministeriums, wonach 1/3 der Ukrainerinnen und Ukrainer gerne in Deutschland bleiben würden, 1/3 der Ukrainerinnen und Ukrainer unentschlossen sind und 1/3 der Ukrainerinnen und Ukrainer gerne zurückkehren würden. 

  • Matthias Münz: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir und deinem Team weiterhin viel Kraft und Erfolg bei dieser wichtigen Arbeit.  

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