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Interview: Was uns reproduktive Gesundheit im Jemen über globale Strukturen lehrt
von Aktion Deutschland Hilft/ADRA
Verena Lauer
Teamleiterin der Asien-Pazifik-Unit bei ADRA Deutschland
Verena Lauer, hat mehrere Projekte im Bereich Gesundheit und Ernährung im Jemen betreut.
Im Interview erzählt sie, was sie aus den Besuchen vor Ort mitgenommen hat und wie die Erfahrungen ihre Sicht auf die Gesundheitsversorgung von Frauen weltweit verändert haben.
Aktion Deutschland Hilft: Was ist Ihr Eindruck zur Lage von werdenden Müttern?
Verena Lauer: Reproduktive Gesundheit, einschließlich Familienplanung, Schwangerschaft und Geburt, ist im Jemen ein sensibles und vernachlässigtes Thema. Meistens sind die Räume in den Krankenhäusern nach Geschlechtern getrennt.
Da gibt es einen großen sichtbaren Unterschied: Die Bereiche der Frauen sind im Vergleich oft deutlich kleiner und schlechter ausgestattet. Es fehlt zudem an weiblichen Fachkräften, die Frauen behandeln dürfen – was insbesondere bei Komplikationen zum Problem wird.
Viele Frauen müssen weite Wege auf sich nehmen, um medizinische Versorgung zu erreichen. Ich erinnere mich an eine bereits zweifache Mutter im Süden des Landes, die zweieinhalb Stunden zu Fuß zu unserer Einrichtung ging, um Zugang zu kostenlosen Untersuchungen und sauberem Wasser zu bekommen.
Mit ihrem Einverständnis durfte ich ihren ersten Ultraschall überhaupt begleiten. Es war spürbar, wie überwältigend es für sie war, ihr Baby auf dem Bildschirm zu sehen und zu wissen, dass es gesund ist.
Was erfahren Sie in den Gesprächen mit den Frauen im Jemen?
In den Gesprächen habe ich viel Resilienz gespürt – entgegen häufiger eurozentristischer Stereotype in Hinblick auf Frauen aus Ländern wie dem Jemen. Diese Resilienz zeigt sich darin, wie bewusst und klug Frauen mit Einschränkungen umgehen, sich gegenseitig unterstützen und sich im Alltag gegen Ausgrenzung behaupten. Natürlich darf die strukturelle Unterdrückung von Frauen trotzdem nicht ausgeblendet werden.
Um zurück zur Gesundheitsversorgung zu kommen: Ein weiteres Problem sind fehlende Ressourcen. Manche Familien priorisieren Gesundheit, andere nicht. Oft treffen Männer finanzielle Entscheidungen, was auch die medizinische Versorgung betrifft.
Welche konkreten Maßnahmen werden umgesetzt, um die Situation von Schwangeren und Müttern zu verbessern?
Unser Fokus liegt auf der Grundversorgung und Notfallmedizin sowie dem Wiederaufbau von lokalen Krankenhäusern. Wir stellen Medikamente bereit, unterstützen lokale Fachkräfte mit gezielten Schulungen und helfen bei der Finanzierung von Personal, wo nötig. Therapeutische Ernährungsprogramme für Mütter und Kinder reduzieren Unterernährung.
Wir haben außerdem praktische Instrumente eingeführt, etwa Impfpassprogramme und Mutter-Kind-Gruppen. Dort können Frauen Erfahrungen zur Ernährung austauschen, zum Beispiel zu den Vorteilen des Stillens.
Was haben Sie aus der Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern gelernt?
Die Maßnahmen funktionieren nur in enger Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, die den Kontext am besten kennen. In Deutschland planen wir oft mit unseren theoretischen Ansätzen und auch mit den Erwartungen der Geldgeber:innen. Die Realität im Land sieht aber häufig ganz anders aus.
Unsere lokalen Partner verfügen über umfassendes Wissen: Sie kennen nicht nur die strukturellen Herausforderungen, sondern auch die Abläufe, die für die Versorgung entscheidend sind. Dieses Wissen ist unabdingbar, um Projekte wirksam umzusetzen.
Und was nehmen Sie aus der Arbeit vor Ort mit?
Ich stelle immer wieder fest, dass das systematische Übersehen der Bedürfnisse von Frauen kein Einzelfall oder kulturelles Randphänomen ist, sondern ein globales Problem. Und es hat Struktur.
Das zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungen. In Ländern wie dem Jemen kämpfen Frauen und marginalisierte Gruppen unter extremen Bedingungen für den Zugang zu medizinischer Versorgung. Auch in Deutschland gibt es strukturelle Benachteiligung – obwohl sie hier oft subtiler ist. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit Erkrankungen wie Endometriose, einer Krankheit, die oft spät diagnostiziert oder verharmlost wird.
Solche Gemeinsamkeiten gehören für mich zu den wichtigsten Erkenntnissen aus der Arbeit vor Ort. Natürlich ist die Situation nicht überall gleich, manche Länder stehen vor existentiellen Herausforderungen, doch die zugrundeliegenden Strukturen – ökonomische Abhängigkeit, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung, politische Unterrepräsentation – sind global sichtbar.
Ich finde es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Frauen überall die Erfahrung teilen, dass ihre Gesundheit, ihre Arbeit und ihre Bedürfnisse weniger zählen. Wir haben weltweit vieles gemeinsam, besonders aus einer geschlechtsspezifischen Perspektive betrachtet. Diese Gemeinsamkeit sichtbar zu machen, ist ein erster Schritt, um sie zu überwinden.
Gesundheitsversorgung im Jemen stärken
Im Jemen sind infolge des anhaltenden Konflikts mehr als 18 Millionen Menschen auf medizinische Hilfe und sauberes Trinkwasser angewiesen. ADRA unterstützt in den Regionen Abyan, Taiz und Lahj die Sanierung von vier Krankenhäusern, stellt medizinische Ausstattung bereit und schult Fachpersonal.
Gleichzeitig werden Wasserquellen und Sanitäranlagen instand gesetzt, um die hygienischen Bedingungen zu verbessern und Krankheitsausbrüche zu verhindern. Durch die Stärkung lokaler Strukturen und die Förderung des Dialogs zwischen Gemeinden und Behörden trägt das Projekt dazu bei, die Gesundheitsversorgung nachhaltig zu verbessern und den sozialen Zusammenhalt zu stärken.
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- Letzte Aktualisierung:
- Author: ADRA Deutschland
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