Man stelle sich vor, man würde einem Handwerker Zollstock, Lot, Winkelmesser und Wasserwaage verbieten, aber ein präzises Aufmaß und maßhaltige Arbeit verlangen. Das Nexus Environmental Assessment Tool (NEAT+) ist ein unverzichtbares Messwerkzeug. Ein benutzerfreundliches Open-Source-Instrument zur schnellen Umweltprüfung auf Projektebene. Es kombiniert ein Sensibilitätsmodul für allgemeine Informationen wie Geographie, Zielbevölkerung und mehr mit wählbaren Aktivitätsmodulen. Das sind Module für verschiedene humanitäre Schlüsselbereiche wie Wasser- und Hygieneversorgung (WASH), Notunterkünfte und Ernährungssicherheit. Innerhalb weniger Stunden bis Tage ermöglicht es auch Mitarbeitenden ohne spezialisiertes Fachwissen, Umweltrisiken systematisch zu identifizieren. Im nächsten Schritt können damit direkt umsetzbare, standardisierte Empfehlungen für konkrete Schutz- und Anpassungslösungen abgeleitet werden. Die Initiative von ADRA Deutschland e.V. und sieben weiteren NGOs fordert in ihrem Positionspapier von der Politik und internationalen Gebern eine sofortige Strategie zur Rettung und Finanzierung dieses zentralen und unverzichtbaren Werkzeugs.
NEAT+ ist bedroht: Ein bewährtes System vor dem Kollaps
Durch den Klimawandel steigt die ökologische Dringlichkeit adäquater Maßnahmen in Krisenregionen. Doch die Instrumente zu deren Umsetzung werden massiv geschwächt. Das Nexus Environmental Assessment Tool (NEAT+), ein weltweit anerkanntes Standardinstrument des humanitären Sektors, ist durch Mittelkürzungen, sich verschiebende Prioritäten und die Schließung des Hauptgeldgebers USAID in seiner Existenz massiv gefährdet. Erste alarmierende Folgen sind bereits sichtbar: Der öffentliche Zugriff auf spezialisierte Versionen wie Urban NEAT+ wurde eingestellt. Ohne sofortiges Handeln drohen dem humanitären Sektor eine gefährliche Fragmentierung, der Verlust von über Jahre hinweg aufgebautem Fachwissen und sinkende Umweltstandards in der Nothilfe.
Warum NEAT+ unverzichtbar ist
NEAT+ ist ein kostenlos nutzbares und quelloffenes Instrument, das es humanitären Helferinnen und Helfern ermöglicht, eventuelle Umweltrisiken eines Hilfsprojektes bereits in der Planungsphase schnell, einfach und systematisch zu identifizieren. Die Prävention steht dabei im Fokus.
- Praxisnah: Es kann von Projektmitarbeitenden auch vor Ort ohne spezialisiertes Umweltfachwissen genutzt und bedient werden.
- Standardisiert: Es liefert vergleichbare Ergebnisse für kritische Bereiche wie Wasser- und Hygieneversorgung (WASH), Unterkünfte und Ernährungssicherheit.
- Effektiv: Nutzerberichte aus Ländern wie Myanmar, Äthiopien oder Mali belegen, dass das Tool nicht nur die Natur schützt, sondern Projekte resilienter macht und zudem die Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der lokalen Gemeinschaften stärkt.
- Grundlage für „Do No Harm“: Kurz gesagt macht NEAT+ das fundamentale Prinzip „Do No Harm“ (Richte keinen Schaden an) gegenüber der Umwelt und dem Klima überhaupt erst praktisch umsetzbar.
Unsere Rolle: Wir sind Teil der Lösung
Die humanitäre Gemeinschaft hat die globale Klimakrise nicht verursacht, doch unsere Arbeit findet zunehmend in Kontexten statt, die durch Umweltzerstörung und Ressourcenknappheit geprägt sind. Wir verstehen uns als Teil der Lösung: Humanitäre Hilfe darf nicht auf Kosten der Ökosysteme gehen, von denen die betroffenen Menschen direkt abhängen. Im Gegenteil. Deshalb bringen wir als Nutzer von NEAT+ die Perspektive der Praxis ein und zeigen, dass eine ökologische Projektplanung langfristig Kosten senkt und die Wirksamkeit der Hilfe erhöht. Umweltschutz ist kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil verantwortungsvoller Hilfe.
Jetzt handeln: Unsere Forderungen an Geber und Entscheider
Die unterzeichnenden Organisationen richten einen klaren Appell an die internationale Gemeinschaft:
- Finanzierung sichern: Wir fordern gezielte, mehrjährige Förderung, um NEAT+ als Kernkomponente der humanitären Infrastruktur zu erhalten und weiterzuentwickeln.
- Standards anerkennen: Politische Entscheidungsträger müssen Umweltprüfungsinstrumente wie NEAT+ offiziell als Mindeststandard für verantwortungsvolles Handeln anerkennen.
- Führungsverantwortung übernehmen: Geber und UN-Organisationen müssen eine klare Koordinationsstruktur schaffen, um die Lücke nach dem Rückzug bisheriger Organisationen zu schließen.
- Systematische Integration: Umweltprüfungen müssen eine verbindliche Voraussetzung in allen Finanzierungsmechanismen werden.
Carina Rolly, Abteilungsleitung für Policy und Advocacy, fasst zusammen: „Umweltschutz in der humanitären Hilfe ist kein optionales Extra, kein ‚nice to have‘. Es ist die Voraussetzung für ihre Wirksamkeit. Ein ‚Do No Harm-Prinzip‘, das Natur, Umwelt und Klima ignoriert, ist heute veraltet und kaum noch sinnvoll. Ohne eine sofortige strategische Absicherung von NEAT+ riskieren wir, ein unverzichtbares Instrument der Praxis zu verlieren und jahrelange Fortschritte zunichtezumachen. Es liegt nun an den Gebern und politischen Entscheidern, die Verantwortung zu übernehmen und das Fundament für eine zukunftssichere, verantwortungsvolle Nothilfe dauerhaft zu sichern.“
Um ADRA dabei zu unterstützen, Menschen in Krisensituationen effizient zu helfen, können Sie mit einer Spende viel Gutes tun. Mit Ihrer Spende helfen Sie dabei, Menschen in akuter Not mit dem Nötigsten zu versorgen, ihnen Hoffnung und eine Perspektive zu geben. Spenden können Sie auf das Spendenkonto ADRA Deutschland e.V., IBAN DE36 3702 0500 0007 7040 00 oder unter adra.de/spenden.