„Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt“

Interview mit Liane Gruber über das Projekt „Gemeinsam für Flüchtlinge“

Im November 2015 gründete sich ein Bündnis aus Advent-Wohlfahrtswerk e. V., Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, Theologische Hochschule Friedensau und ADRA Deutschland e. V. Gemeinsam wurden Aktivitäten wie Sprachkurse, Hausaufgabenbetreuung sowie verschiedene Begegnungs und Gemeinschaftsaktivitäten für nach Deutschland Geflüchtete ermöglicht.

Liebe Liane, schön, dass du die Zeit für dieses Interview gefunden hast. Du hast für ADRA die Projekte von „Gemeinsam für Flüchtlinge“ betreut. Erzähl mal, was sind das für Projekte?
Bei der gemeinsamen Initiative ging es um Unterstützung, Begleitung und Integration von Geflüchteten in Deutschland. Wir wollten ihnen das Ankommen erleichtern und ihre Situation verbessern.

Welche Erfahrungen hast du persönlich mit dem Projekt gemacht?
Ich habe fast drei Jahre mit den Ehrenamtlichen zusammengearbeitet, die die Geflüchteten betreuen. Mit manchen mehr, mit anderen weniger. Die Berichte, die ich lesen durfte, zeigen immer das gleiche Bild. Die Freiwilligen geben ihr Engagement mit ganzer Kraft und darüber hinaus. Zu sehen, was die Menschen durchmachen müssen, hier in unserem Land, von dem sie sich so viel erhofft hatten, ließ die Ehrenamtlichen nicht aufhören aktiv zu bleiben. Jeder kleine Erfolg trug sie weiter und wir haben
gemeinsam gelacht, aber auch geweint. Die Arbeit der Ehrenamtlichen war unbeschreiblich und für viele Geflüchtete wurden die Gruppen zur zweiten Familie, manchmal sogar zu Rettern in Lebensgefahr.

Die Initiativen sind allesamt durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer gestemmt worden. Was war die Motivation der Ehrenamtlichen? Wie haben sie geholfen?
Immer wieder habe ich gehört, dass sie einfach helfen „mussten“. Christliche Nächstenliebe, wie sie in Matthäus 25, 40 durch Jesu Worte beschrieben wird, hat die Herzen bewegt. ,,Was immer ihr für einen meiner Brüder (Schwester) getan habt … das habt ihr für mich getan.“ Die Helfer haben für sich erkannt, dass gehandelt werden muss. Oft nach dem Motto: Wenn nicht wir, wer denn dann. Die Projektideen waren jeweils unterschiedlich. Es wurden Deutschkurse organisiert und Kennenlerntreffen.
Kinder wurden betreut und Freizeitangebote gemacht. Geflüchtete wurden auf ihren Behördengängen durch unsere Ehrenamtlichen begleitet. Individuelle Probleme der jeweiligen Flüchtlingsfamilien konnten besser gelöst werden. 2019 ging es verstärkt um Wohnungssuche und Arbeitsplätze. Dabei wurden besondere Angebote für Frauen entwickelt.

Welche besonderen Bedürfnisse hatten die Geflüchteten? In welchen Bereichen brauchten sie Unterstützung?
Nach langer Zeit der Durchreise, endlosen Befragungen, behördlichen Formalitäten und Ablehnung in ganz unterschiedlichen Situationen, suchten die Menschen Wärme und Geborgenheit. Einen Ort, an dem Menschen sich freuten, wenn sie kamen. Wo sie willkommen waren und herzlich begrüßt wurden. Für viele Geflüchtete waren diese Treffen immer wieder ein Höhepunkt ihres Alltags. Ich selbst durfte diese Erfahrung machen. Ein junger Familienvater sagte zu mir: ,,Das erste Mal wurde ich aus dem Meer gerettet, aber dann war ich verloren. Ihr habt mich das zweite Mal gerettet. Und dafür danke ich euch für den Rest
meines Lebens!“

Im Idealfall lernen beide Seiten voneinander. Was glaubst du haben die „Einheimischen“ und „Heimatvertriebenen“ voneinander gelernt?
Die „Einheimischen“ haben gelernt, dass es nicht auf Kommando möglich ist, von einer Kultur in die andere zu wechseln. Nur weil die Menschen jetzt auf deutschem Boden wohnen, kennen sie nicht automatisch auch alle kulturellen Eigenheiten unseres Landes. Aber umgekehrt ist es genauso zutreffend. Nur weil wir einen Kuchen backen und mit den „Heimatvertriebenen“ ein paar schöne Stunden verbringen, kennen wir nicht die Gebräuche der verschiedenen Herkunftsländer. Es ist ein großer Unterschied, ob man einen Menschen als Tourist auf einer Reise kennenlernt, oder ob die Person in einem Gemeinderaum
völlig verloren vor einem steht und auf Hilfe angewiesen ist.

Deine Arbeit mit den Gruppen ist nun beendet. Wer ist denn für die noch bestehenden Gruppen der Ansprechpartner? An wen können sich Interessierte wenden, die aktiv werden oder bleiben wollen? Bedarf besteht ja nach wie vor.
Die bestehenden „Gemeinsam für Flüchtlinge“-Gruppen werden von den Beauftragten für politisch Verfolgte und Kriegsflüchtlinge ihrer Freikirche in den jeweiligen Vereinigungen weiter betreut. Sie sind auch die richtigen Ansprechpersonen für Interessierte, die noch nicht aktiv in der Flüchtlingsarbeit tätig wurden. Bundesweit ist Michael Götz vom Advent-Wohlfahrtswerk (AWW) eine gute Anlaufstelle. Er war der Leiter der Steuerungsgruppe „Gemeinsam für Flüchtlinge“ und bleibt der Beauftragte der Freikirche und des AWW für Flüchtlings- und Integrationshilfe.

Es war mir eine Freude und eine Ehre, den Helfern zur Seite zu stehen und ich wünsche ihnen weiterhin viel Kraft und Gottes Segen in ihrer Arbeit mit den wunderbaren Menschen, die zu uns nach Deutschland gekommen sind.