Internationaler Tag zur Beendigung von Geburtsfisteln

Internationaler Tag zur Beendigung von GeburtsfistelnNach Angaben der World Health Organization (WHO) leiden rund zwei Millionen Frauen weltweit unter Geburtsfisteln, weil sie keine angemessene medizinische Hilfe bei der Geburt ihrer Kinder erhalten. Um für diese Krankheit ein Bewusstsein zu schaffen, findet am 23. Mai der jährliche internationale Tag zur Beendigung von Geburtsfisteln statt. Ins Leben gerufen wurde er 2014 von den Vereinten Nationen.

In Europa fast unbekannt, gehört die Erkrankung in Entwicklungsländern oft zum Alltag. Aus diesem Anlass erinnert ADRA an das Schicksal von Millionen Frauen, die von Geburtsfisteln betroffen sind. Mit den gesundheitlichen, seelischen und gesellschaftlichen Folgen kämpfen viele Frauen ein Leben lang. Die Frauen leiden unter Infektionen, Inkontinenz, schlechtem Geruch und Depression. Das Hygieneproblem macht sie zu Ausgestoßenen. Verstoßen von ihren Ehemännern und isoliert von ihrer Dorfgemeinschaft.
Eine schwere Geburt ohne schnelle medizinische Hilfe kann für werdende Mütter verheerende Folgen wie Fisteln haben. Doch eine Operation kann den Frauen helfen.

Das Krankenhaus Waldfriede in Berlin hilft Frauen, die unter Fisteln leiden, und führt plastisch-rekonstruktive Operationen durch. ADRA hat die Chirurgin Frau Dr. Cornelia Strunz getroffen und konnte einige wichtige Fragen klären.

Frau Dr. Strunz, Geburtsfisteln sind in Deutschland ein relativ unbekanntes Phänomen. Um was genau handelt es sich hierbei und wer ist davon betroffen?

Fisteln sind Verbindungen zwischen zwei Organen, die es normalerweise nicht gibt. So können bei genitalverstümmelten Mädchen und Frauen Fisteln zwischen Vagina und Enddarm und Vagina und Harnröhre auftreten. Wenn eine Beschneidung (Infibulation) durchgeführt wurde und damit nur eine winzige Öffnung für den Austritt von Urin und Menstruationsblut vorliegt, muss das Mädchen für den ersten Geschlechtsverkehr wieder geöffnet werden. Teilweise werden die Frauen nach dem Geschlechtsverkehr wieder zugenäht. Wenn dann das Kind durch den engen Geburtskanal und das enge Becken der jungen Frau zur Welt kommt, kann dies ein Geburtshindernis darstellen, das Gewebe reißt ein und es können sich Fisteln ausbilden. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist extrem erhöht, die Frauen können verbluten oder inkontinent werden.

Welche Risikofaktoren begünstigen die Entstehung von Geburtsfisteln?

In vielen Ländern außerhalb Europas werden Mädchen sehr früh verheiratet und schnell nach Beginn der ersten Menstruation schwanger. Oft ist das Becken des Mädchens noch nicht ganz ausgewachsen und schmal. Ist dann der Fötus zu groß für den Geburtskanal, ist das Mädchen zudem noch genitalverstümmelt und zugenäht, kann eine Geburt zu einer langwierigen und schmerzvollen Situation für die Frauen werden. Und lebensbedrohlich. Oftmals ist in den ländlichen Gebieten keine schnelle medizinische Hilfe vorhanden. Lebenslange körperliche und seelische Verletzungen sind die Folge.

Wie kann die Entstehung verhindert werden?

Aufklärungsarbeit ist das wichtigste. In Kenia findet zum Beispiel traditionell im Mai ein Fistula-Marathon statt, um auf das tabuisierte Thema und seine Ursachen aufmerksam zu machen. Dr. Hillary Mabeya und sein Team rund um das „Gynocare Women’s and Fistula Hospital“ in Eldoret richten jedes Jahr diese Aktion aus. Ich habe selbst an diesem „Run to end Fistula“- Lauf mit Dr. Mabeya und Dr. Scherer (Ärztlicher Direktor und Chefarzt Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie Krankenhauses Waldfriede, Anm. d. Red.) teilgenommen. Kampagnen wie diese sind wichtig, um langfristig etwas für die Frauen zu verändern. Natürlich ist der schnelle Zugang zu medizinischer Hilfe wichtig. Und mein Wunsch ist, dass irgendwann gar keine Genitalverstümmelung mehr stattfinden werden. Ein kleines Umdenken ist für die nächste Generation schon ein großer Erfolg!

Dr. Conny (Foto rechts), wie sie von ihren Patienten genannt wird, ist ärztliche Koordinatorin des Desert Flower Centers (DFC) am Krankenhaus Waldfriede in Berlin. Evelyn Brenda (Foto links) ist Beraterin und Dolmetscherin für beschnittenen Frauen. Im Desert Flower Center erhalten Frauen, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden sind, psychosoziale und medizinische Hilfe. Weitere Infos gibt es unter www.dfc-waldfriede.de.