Das Evangelium mit Taten verkündigen

Frank Brenda von ADRA Deutschland - Das Evangelium mit Taten verkünden

Ende April verließ Frank Brenda (65,5) ADRA Deutschland e.V. in Richtung (Un)Ruhestand. Zum Abschied führte die Redaktion von ADRAheute ein Interview mit Frank.

Lieber Frank, du bist seit 1992 für ADRA tätig, erst als Ehrenamtler, dann ab 1993 in Festanstellung. Wie bist du zu ADRA gekommen?

Ich war 15 Jahre Gemeindepastor. Durch meine Scheidung konnte ich den Beruf nicht mehr ausüben und bin dann zu ADRA gewechselt. Wie sich herausstellte, hat sich eine der schwersten Einschnitte meines Lebens positiv entwickelt. Die Tür, die mit ADRA aufgegangen ist, war größer und weiter, als die Tür, die geschlossen wurde.

Was hat dich an ADRA gereizt?

Humanitäre Hilfe ist ein Auftrag aus dem Evangelium und so habe ich es immer als Teil meiner Bestimmung gesehen. Als Pastor habe ich das Evangelium mit Worten verkündigt, mit ADRA habe ich das Evangelium durch Taten verkündigt, wie es Jesus letztendlich auch getan hat.

Mein Wirkungsbereich hat sich bei ADRA wesentlich vergrößert. Ich war weltweit unterwegs und habe Menschen erreicht, die ich als Pastor nie erreicht hätte. Ich konnte für viele tausende Menschen Projekte durchführen und ihnen Hilfe in unterschiedlichen Lebenssituationen zukommen lassen.

Wofür steht ADRA in deinen Augen?

Wir hatten früher das Motto, dass wir durch die humanitäre Hilfe die Liebe Jesu zum Ausdruck bringen. Ich habe das immer so verstanden, dass die Liebe Gottes durch die Arbeit von ADRA Hände und Füße bekommen hat.

Ich bin oft in Gebiete gereist bin, wo man ADRA noch nicht kannte, und wurde fragt: Was ist ADRA? Klingt ja zunächst wie eine Zauberformel: ADRA Kadabra. Unseren Auftrag sehe ich bereits im Namen ADRA beschrieben. Das erste A steht für Adventistisch. Hier steckt die Hoffnung drin, die wir in Jesus Christus haben; und in einer Katastrophensituation wollen wir den Menschen Hoffnung bringen.

Die Buchstaben D und R stehen für „Development and Relief“, Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Wir machen beides zusammen. Wir sind nicht nur eine Organisation, die in einer Katastrophe kurz da und nach ein paar Monaten wieder weg ist, sondern, wenn wir irgendwo Hilfe leisten, verfolgen wir einen langfristigen Ansatz. An die Katastrophenhilfe schließen sich Rehabilitations- und Entwicklungsmaßnahmen an.

Das letzte A steht für „Agency“. Eine Agentur zeichnet aus, dass sie etwas vermittelt. Heiratsagentur, Finanzagentur, Versicherungsagenturen, es wird immer etwas vermittelt. Und was vermittelt ADRA? Wir vermitteln Ressourcen, damit diese von dort, wo sie im Überfluss sind, dort hinkommen, wo ein Mangel herrscht. Damit wollen wir zu einem gewissen Ausgleich beitragen. Wir sind also ein Kanal, der Ressourcen dorthin bringt, wo sie gebraucht werden. Das betrifft nicht nur Geld, sondern auch menschliche Kapazitäten, Wissen, ‚Know-how‘, natürlich auch Hilfsgüter und andere Dienste, die wir durch unsere Projekte vermitteln.

Weißt du noch, was dein erster Einsatz für ADRA war?

Vor 27 Jahren war ich in Somalia. Ein Land gezeichnet von Hungersnot, Dürre und Bürgerkrieg. Wir waren damals vor Ort, um Essen zu verteilen. Ich hatte keine große Erfahrung als ADRA-Mitarbeiter und bin mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen worden. Ohne große Vorkenntnisse gleich den ersten Einsatz in einem Bürgerkriegsland mit Hungersnot, Chaos und ohne Regierung. Ich musste mich da irgendwie zurechtfinden. Gleich zu Beginn bestand meine Aufgabe, täglich eine LKW-Ladung mit zehn Tonnen Lebensmittel zu verteilen. Die Frage war, wie macht man das am besten.

Ich habe mich mit meinen lokalen Mitarbeitern beraten. Der Aspekt Sicherheit spielte natürlich eine große Rolle. Zu dem Zeitpunkt begann gerade der UN-Einsatz in Somalia. Wir waren damals in Mogadischu und für unseren Stadtteil war das italienische Militär für die Sicherheit verantwortlich. Ich bin also zum italienischen Kommandanten gegangen und habe gesagt: „Wir haben morgen eine Lebensmittelverteilung und ich brauche von euch Sicherheit und Unterstützung.“ „Kein Problem, machen wir, dafür sind wir ja da“, hat er gesagt.

Am nächsten Morgen um acht Uhr ging es los. Soldaten, Panzer und der Lebensmittellaster fuhren vor, stellten sich vor unserem Bürogelände auf und bauten mit Stacheldraht eine Absperrung um den LKW herum. Wir haben eine Verteilstelle eingerichtet und die Lebensmittel ausgegeben. Man muss sich das so vorstellen, dass wir keine gepackten Rationen ausgegeben haben, sondern die Frauen und Männer haben ein Stück ihres Gewands/T-Shirts aufgehalten und dort hinein gaben wir eine Portion Mais. Dann zogen sie wieder ab.

Die erste halbe Stunde lief dieses Verteilsystem auch ganz gut. Doch als die Menschen mit Lebensmitteln durch die Stadt liefen, zog das weitere Menschen an. Es sprach sich schnell herum, dass bei ADRA Lebensmittel verteilt wurden. Innerhalb kurzer Zeit war eine riesige Traube von Menschen zusammengekommen. Die Menschenmenge wuchs an, aber die Menge an Lebensmitteln wurde immer kleiner. Irgendwann wurde allen klar, dass die Lebensmittel nicht mehr für alle reichen würden. Daraufhin brach das Chaos aus. Die ersten haben den Stacheldraht überwunden, um sich selbst zu bedienen. Um den LKW und die Verteilung zu schützen haben die italienischen Soldaten Warnschüsse in die Luft abgegeben. Aber in einem Bürgerkriegsland, in dem nahezu jeden Tag geschossen wird, halten ein paar Luftschüsse niemanden ab. Die Soldaten haben sich machtlos gefühlt und zogen sich in ihren Panzer zurück. Wir hatten ebenfalls keine andere Wahl und zogen uns in unser Bürogebäude zurück. Der LKW blieb vor der Tür stehen, frei für jedermann. Das war das abrupte Ende der ersten Verteilung.

In meinem Zimmer habe ich mir dann gesagt, dass wir so etwas nicht jeden Tag wiederholen können. Es war niemand da, den ich um Rat fragen konnte. Also bin ich in Zwiesprache mit Gott gegangen: ‚Lieber Gott, jetzt bist du dran und musst mir weiterhelfen. Wie soll ich das organisieren?‘ Dann sagte eine innere Stimme zu mir: ‚Lies doch mal nach, wie Jesus damals 5000 Leute gespeist hat‘. Die Geschichte mit den fünf Broten und zwei Fischen hatte ich schon unzählige Mal erzählt. Ich las die Geschichte also in der Bibel noch einmal nach. Im Markusevangelium fiel mir dann ein interessanter Hinweis auf: Bevor Jesus das Brot gebrochen und verteilt hat, trug er seinen Jüngern auf: Teilt die Leute in Gruppen zu fünfzig und hundert auf, lasst sie sich aufs Gras setzen und dann gebt ihnen zu essen. (Markus 6:39-40)

Plötzlich wurde mir klar: Die Menge, die wir hier in Somalia jeden Tag versorgen mussten, waren auch 5000 Menschen. Auf unserem LKW waren zehn Tonnen Lebensmittel und wir sollten zwei Kilo pro Person herausgeben. Das waren 5000 Portionen. Jesus hatte die Menschen in Gruppen eingeteilt und sich setzen lassen, bevor sie gespeist wurden. Wäre das nicht für uns eine mögliche Methode? Ich habe mich mit meinen somalischen Kollegen beraten und ihnen meine Idee vorgestellt: Auf der Straße vor unserem Bürogelände lassen wir die Menschen sich setzen und teilen sie in kleine Gruppen zu je 50 Leute auf. Die dürfen dann aufstehen und sich ihre Lebensmittelration abholen. „Ja, Frank, können wir gerne versuchen.“
Gesagt, getan. Es hat funktioniert, es war eine super Verteilung ohne Ärger oder Gedränge.

Am darauffolgenden Tag fand das regelmäßige UN Sicherheitstreffen statt. Viele andere Hilfsorganisationen hatten ähnliche Erfahrungen gemacht wie wir am ersten Tag: Verteilungen, die außer Kontrolle liefen und im Chaos endeten. Ich war zunächst erleichtert, dass es nicht nur mir so ging und dass es in diesem Land unter diesen Bedingungen wohl so üblich war. Dann hat sich unser italienischer Kommandant zu Wort gemeldet und von unserem zweiten Tag berichtet. Zu guter Letzt hat er alle anderen Organisationen eingeladensich anzusehen, wie eine Verteilung bei ADRA abläuft.
Am nächsten Morgen kamen nicht nur tausende Somalis zu unserer Verteilaktion, sondern auch hunderte Neugierige von den anderen Hilfsorganisationen, bis hin zum Nachrichtensender CNN, die ein Video darüber machten und berichtet haben. Alle hatten eine sehr geordnete, disziplinierte Verteilung von Essen gesehen. Seitdem wird diese Art von Verteilung in Somalia durchgeführt. Auch bei ADRA ist diese Verteilmethode in das Nothilfe Protokoll aufgenommen worden für zukünftige Projekte in der Nothilfe.
Letztlich war es nicht meine Idee, sondern ein Rat, den ich in der Bibel gefunden habe, weil Jesus es uns vorgemacht hat.

Lieber Frank, vielen Dank für das Interview.