Unterstützung für benachteiligte Kinder in Albanien

In der nordalbanischen Region Krujas leben viele sozial ausgegrenzte Menschen, die wenige Bildungsmöglichkeiten haben. Hanna Arhin-Sam, Regionalkoordinatorin Europa und Deutschland, erklärt im Interview, wie ADRA lernschwache Kinder innerhalb eines dreijährigen Projekts unterstützt.

Wie sind die Lebensverhältnisse der Menschen in der Region Krujas?

Die ländliche Region Krujas ist ärmlich geprägt, mit einem hohen Arbeitslosenanteil unter der Bevölkerung. Ein Großteil der dort lebenden Menschen sind Roma. Die meisten von ihnen kommen aus einem sozial schwachen Milieu, sie können weder lesen noch schreiben und verfügen über sehr geringe  Einkommensmöglichkeiten. Kinder unterstützen ihre Familien durch Betteln oder Straßenverkauf. Die zahlreichen Analphabeten wirken sich auf kommende Generationen aus, sodass viele Kinder ebenfalls weder lesen noch schreiben können und dadurch Schwierigkeiten in der Schule haben. Da die Prioritäten innerhalb der betroffenen Familien anders gesetzt sind, bekommen die Kinder keine Unterstützung durch die  Erwachsenen.

Wieso erhalten lernschwache Kinder keine Unterstützung in der Schule?

Das albanische Schulsystem ist ganz anders, als man es aus Deutschland kennt. Während in deutschen Grundschulen versucht wird, die Kinder individuell zu fördern, haben es Kinder mit Lernschwierigkeiten im albanischen Schulsystem schwer. Die Lehrer sind unzureichend ausgebildet, sodass sie nicht auf die Bedürfnisse der betroffenen Jungen und Mädchen eingehen können. Der Unterricht ist nicht darauf ausgerichtet, schwache Schüler zu fördern oder gar Rücksicht auf sie zu nehmen. Die Kinder bleiben sich in ihrem Lernen selbst überlassen, auf individuelle Schwierigkeiten wird nicht eingegangen.

Wie unterstützt ADRA die betroffenen Kinder?

In drei Grundschulen werden lernschwache Kinder durch Zusatzunterricht gefördert, der zweimal wöchentlich stattfindet. Dieser Zusatzunterricht wird von Studenten angeboten, die über diese ehrenamtliche Tätigkeit Praxiserfahrungen für ihren späteren Berufsweg sammeln. Um gezielt auf die Jungen und Mädchen eingehen zu können, werden die Studenten entsprechend ausgebildet. Ziel ist es, die Kinder sowohl fachspezifisch als auch in ihrer sozialen Kompetenz zu fördern. Ihre kommunikativen Fähigkeiten, ihr Verhalten und ihre alltäglichen Fertigkeiten werden dadurch  ebenfalls verbessert. Zudem erhalten auch Lehrer und Schulpsychologen Weiterbildungen, um das Verständnis für Kinder mit Lernschwierigkeiten zu schärfen, sodass sie gezielt darauf eingehen können.

Inwiefern ist es den Schülern möglich, aus dem kulturell bedingten Teufelskreis auszubrechen?

Eine Komponente des Projekts beinhaltet die Arbeit mit den Eltern der betroffenen Kinder. Regelmäßige Gespräche und Schulungen helfen ihnen dabei, den Wert von Bildung zu erkennen. Langfristig gilt es, den Eltern zu vermitteln, welchen Einfluss Bildung auf das Leben ihrer Kinder hat. Je besser die Schulbildung, desto höher sind die Chancen auf ein Leben mit guten Perspektiven.

Was sind die Herausforderungen bei der Arbeit mit den Eltern?

In manchen Familien wird es kulturell bedingt problematisch, sobald die Eltern bemerken, dass ihre Kinder besser ausgebildet sind, als sie selbst. Aus Angst vor einem möglichen Autoritätsverlust werden die Kinder dann ausgebremst und ein weiterer Schulbesuch untersagt. Außerdem ist es bei den Roma-Familien üblich, den Kindern Verantwortung für die Familienbelange zu übertragen, dabei wird dem Lernen und dem Schulbesuch nur wenig Bedeutung zugemessen. Generell ist die Aufklärungsarbeit der Eltern eine langfristige Angelegenheit, die viel Überzeugungsarbeit und Einfühlungsvermögen erfordert. Die Einstellung der Roma-Eltern zur Ausbildung ihrer Kinder kann nur mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen korrigiert werden.