Nachhaltige Zukunftsperspektiven für Roma in Serbien

Roma werden in Serbien diskriminiert und sind in einer Armutsspirale gefangen. Bildung kann dazu beitragen, sie aus diesem Kreislauf herauszulösen und sie in die Gesellschaft zu integrieren. Hanna Arhin-Sam, Projektleiterin für Europa und Deutschland, berichtet im Interview, wie ADRA dies gelingt.

Beim neuen Projekt in Serbien handelt es sich um die Fortsetzung eines Pilotprojektes, das durch das politische Referat 2019 des Auswärtigen Amtes gefördert wurde. Was waren die Inhalte des Pilotprojekts?

Das Pilotprojekt ist vor dem Hintergrund der Flüchtlingsproblematik entstanden. Bei fast 80 Prozent der in Deutschland Asyl suchenden Serben handelt es sich um Roma. Die Gründe für die Asylsuche in Deutschland sind eine hohe Armutsrate sowie Diskriminierung im Heimatland. Wiederkehrende Migration vertieft das Problem und führt dazu, dass die Roma zusätzlicher Armut und sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind. Um für die Roma neue Perspektiven zu schaffen, haben wir Ausbildungen angeboten, damit sie auf dem heimischen Arbeitsmarkt Fuß fassen können.  Mit erfolgreich abgeschlossener Ausbildung erhielten sie außerdem eine „Werkzeugkiste“ mit für ihren Beruf notwendigen „Werkzeugen“, die ihnen den Berufsstart erleichtert. Im Vorfeld haben die Roma Workshops besucht, in denen sie gelernt haben, wie man Bewerbungen schreibt oder einen Businessplan erstellt. Fast alle Teilnehmer haben die Ausbildungen erfolgreich abgeschlossen. Das war ein ganzheitlicher Ansatz, den wir im neuen Projekt in ausgebauter Form weiterverfolgen.

Welche Komponenten des Pilotprojektes sind es, die weiterverfolgt werden?

Partner bleibt die Grund- und Erwachsenenschule „Branko Peši?“ und die Projektregion ist wieder Belgrad und Umgebung. Wie zuvor können die Roma zunächst Workshops besuchen, in denen sie erstmal elementare Dinge lernen, wie Arbeit am Computer oder die Verbesserung ihres serbischen Wortschatzes. Insgesamt durchläuft jeder Teilnehmer 16 Workshops. Danach folgt das dreimonatige Ausbildungsprogramm. Das Angebot hängt einerseits davon ab, was sich die Roma wünschen und andererseits, welche Berufe auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Das sind vor allem handwerkliche Berufe wie Maler, Friseur, Bäcker, Koch oder Kosmetiker, die die Roma gerne erlernen und in drei Monaten gut und strukturiert vermittelt werden können.  

Wie wurde das Projekt ausgebaut? Was sind die neuen Komponenten?

Diesmal werden die Kursteilnehmer auch nach ihrem Abschluss noch eine Weiterbildungsmöglichkeit erhalten. So fördert ADRA die Integration der Roma durch die Vermittlung von Praktika in serbische Organisationen und Unternehmen. Zum einen können die Roma ihre erlernten Fertigkeiten dort direkt anwenden und werden womöglich sogar übernommen, zum anderen erfahren die Serben, dass auch Roma gute Kollegen sein können. Denn in der serbischen Bevölkerung gibt es noch viele Vorurteile gegenüber den Roma, was ihre Integration zusätzlich erschwert.

Eine weitere Neuerung ist der größere Fokus auf die Kinder. Hierzu haben wir wieder die SOS Kinderdörfer an Bord geholt. Es kommt ein „Spielbus“ zum Einsatz, der die Kinder der Roma zum Spielen und Lernen einlädt. Sie können dann einfach Kind sein. Gleichzeitig können sie aber auch ganz spielerisch Dinge lernen, die Grundvoraussetzung für den Schulbesuch sind, wie etwa einen Stift richtig zu halten, Formen und Farben zu benennen oder Stillsitzen und Zuhören. Denn oftmals ist es so, dass die Roma-Kinder ihre Eltern schon früh finanziell unterstützen müssen, beispielsweise durch Verkauf oder Betteln, und damit solche elementaren Fertigkeiten auf der Strecke bleiben. Beim Einsatz des „Spielbusses“ geht es aber auch darum, die Kinder-Eltern-Beziehung zu stärken und die Familien zu fördern. Es wird eine Beratungsmöglichkeit für die Familien angeboten und Sozialarbeiter beschäftigen sich individuell mit den Kindern und ihren Eltern.

ADRA bezieht außerdem die Dorfvorsteher der Roma in das Projekt mit ein. Innerhalb der Gemeinschaft spielen die Dorfvorsteher eine wesentliche Rolle. Für sie werden auch Workshops angeboten, damit sie den Bildungsgedanken in ihre Kommunen hineintragen. Auf diese Weise können Veränderung im Denken und Handeln der Roma langfristig herbeigeführt werden.

Warum ist es wichtig, dass Arbeit mit den Roma fortgeführt wird?

Das Projekt ist so gut angekommen ist, dass die Roma auf unsere Mitarbeiter nach Projektabschluss zugekommen sind und nach einer Fortführung gefragt haben. Sie fühlten sich von uns in ihren Bedürfnissen wahrgenommen. Es ist wichtig den Roma die Möglichkeit zu geben, aus dem Armutskreislauf herauszukommen. Vor allem soll auch die Nachhaltigkeit des Projektes sichergestellt werden, indem der Erfolg der Ausgebildeten auf dem Arbeitsmarkt über einen längeren Zeitraum verfolgt wird. Bisher konnten wir nur eine kleine Anzahl von Personen erreichen. Daran möchten wir anknüpfen und noch mehr Roma eine nachhaltige Zukunftsperspektive in Serbien ermöglichen.

 

Hanna Arhin-Sam, ADRA-Projektleiterin für Europa und Deutschland

 

Dieses Projekt wird gefördert von: