Nach der Katastrophe – so leistet ADRA Hilfe

Im Katastrophenfall erhalten Betroffene weltweit schnellstmögliche Unterstützung durch die Nothelfer von ADRA. Was Nothilfe genau ist und welches die wichtigsten Schritte im Einsatzfall sind, erklären Frank Brenda, Soforthilfeleiter und Gabriel Schönfeld, Soforthilfekoordinator bei ADRA Deutschland.

Verwüstung auf den Philippinen nach Taifun Haiyan 2013
Verwüstung auf den Philippinen nach Taifun Haiyan im Jahr 2013

Was versteht man unter Nothilfe?

Frank Brenda: Nothilfe ist die sofortige, unmittelbare Hilfe nach einer Katastrophe, bei der es darum geht, das Überleben der Betroffenen zu sichern. Zu Katastrophen zählen Erdbeben, Zyklone, Überflutungen, aber auch anhaltende Katastrophen wie die Konflikte in Syrien oder in der Ukraine. Daneben gibt es die sogenannten vergessenen Katastrophen, in deren Rahmen Nothilfe geleistet wird.

Welche einzelnen Bereiche gibt es innerhalb der Nothilfe?

Frank Brenda: Es gibt fünf Standardsektoren, die den Kern der Nothilfe bilden. Hierzu zählen der Bereich der Ernährungssicherung, Wasser- und Sanitär, die medizinische Versorgung, der Bereich Notunterkünfte (einschließlich Haushaltsartikel wie Decken, Essgeschirr, Schlafmöglichkeiten) und ein relativ neuer Bereich: Der Schutzbereich für Kinder. Hierzu zählt mitunter die Durchführung kindergerechter Programme wie beispielsweise Freizeitaktivitäten in Flüchtlingslagern.

Was sind im Einsatzfall die einzelnen Schritte?

Frank Brenda: Meist wird ADRA innerhalb weniger Stunden durch bestimmte Meldesysteme wie dem „Global Disaster Alert Coordination System (GDACS) über eine Katastrophe informiert. Dann gilt zunächst, die Katastrophe in eine der drei bestehenden Kategorien einzuteilen. Diese einzelnen Kategorien sind in die Ampelfarben Grün, Gelb und Rot unterteilt. Zu Grün gehören eher kleinere Katastrophen, die nur im begrenzten Rahmen stattfinden und die eine relativ kleine Bevölkerungszahl (bis etwa 10.000) betrifft. Mittlere Katastrophen, die ein etwas größeres Ausmaß haben, jedoch lokal geregelt werden können, werden der Farbe Gelb zugeordnet. In die dritte Kategorie fallen sogenannte Mega-Katastrophen, bei denen 100.000 oder mehr Menschen betroffen sind. In diesem Fall wird internationale Hilfe angefordert. Um die Nothilfe zu koordinieren, gibt es innerhalb des Bündnisses „Aktion Deutschland Hilft“ (ADH), in dem ADRA Mitglied ist, einen bestimmten Mechanismus.

Wie funktioniert dieser Mechanismus?

Frank Brenda: Im Fall einer Mega-Katastrophe wird schnellstmöglich eine Telefonkonferenz einberufen, bei der sich die Bündnisorganisationen untereinander austauschen, den Bedarf vor Ort ermitteln und besprochen wird, welche der Bündnisorganisationen im Katastrophengebiet über Anlaufstellen oder Kontakte verfügt. Die Büros vor Ort schicken so schnell wie möglich die ersten Teams in das Katastrophengebiet, um Lageberichte weitergeben zu können. Die Bündnispartner sprechen sich untereinander ab, wer welche Kapazitäten zur Verfügung stellen kann, um möglichst jeden Bereich der fünf Nothilfe-Sektoren abzudecken.

Gabriel Schönfeld: Um schnellstmöglich Hilfe zu organisieren, tritt zudem das sogenannte ADRA Netzwerk, bestehend aus annähernd 140 Länderbüros weltweit, miteinander in Kontakt. Es werden regionale Emergency Response-Teams (Nothilfe-Teams) aktiviert, deren Mitarbeiter im Katastrophenfall für diesen Einsatz freigestellt werden und die als Verstärkung für das örtliche Büro ins Katastrophengebiet reisen.

Was ist nach einer Katastrophe in den ersten Tagen besonders wichtig?

Frank Brenda: Die Hauptprämisse ist, das Überleben der Betroffenen zu sichern. Aufgabe des Nothilfe-Teams ist es, innerhalb der ersten Stunden nach Eintritt der Katastrophe den Bedarf der Menschen zu ermitteln und zu organisieren, wie man gemeinsam mit anderen Organisationen helfen kann. Die Hilfe muss lokal und an die Lebensbedingungen der Betroffenen angepasst sein. Deshalb ist es von Beginn an wichtig, sie miteinzubeziehen.

Wie hat sich Ihrer Meinung nach die Nothilfe in den vergangenen Jahren verändert?

Frank Brenda: Die Grundbedürfnisse der Menschen sind bis heute gleich. Jedoch hat sich in den vergangenen Jahren das gesamte Katastrophenmanagement enorm verbessert. Die Koordination zwischen den Akteuren ist sehr viel professioneller geworden. Absprachen funktionieren besser, aus ehemaligen Konkurrenten sind Partner geworden, die Hand in Hand arbeiten. Man tut sich zusammen, um effektive Hilfe zu leisten.

Gabriel Schönfeld ist seit Kurzem der neue Soforthilfekoordinator bei ADRA Deutschland. Inwiefern unterscheiden sich seine Startvoraussetzungen im Vergleich zu Ihren (Frank Brenda) zu Beginn ihrer Tätigkeit im Sektor Nothilfe?

Frank Brenda: Gabriel Schönfeld hat den Vorteil, dass er viel professionellere Voraussetzungen vorfindet. Durch sein Studium besitzt er bereits eine gute theoretische Grundlage, die nun in der Praxis ergänzt wird. Die Nothilfe ist heute sehr professionell organisiert. Solche Voraussetzungen waren zu Beginn meiner Tätigkeit vor 23 Jahren nicht gegeben. Mit nur wenig praktischer und theoretischer Erfahrung  wurde ich zu Zeiten des Bürgerkrieges und der herrschenden Hungersnot nach Somalia geschickt. Gleich an meinem dritten Tag vor Ort wurde ich in eine Schießerei zwischen Banditen und unserem Sicherheits-Personal verwickelt. Da es zu dieser Zeit keine Sicherheitstrainings gab, musste ich vor Ort stets intuitiv handeln. Zudem musste ich mir Dinge wie Projektplanung- und Management erst einmal selbst beibringen. Gabriel wurde gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in das Projektmanagement  einbezogen, sodass er von der Pike auf lernt, wie zum Beispiel Projektanträge und Abschlussberichte geschrieben sowie Budgets erstellt werden.

Wo liegen bei ADRA die Stärken im Bereich der Nothilfe?

Frank Brenda: Die größte Stärke von ADRA im Bereich der Nothilfe liegt im Bestehen des ADRA Netzwerkes. Mit weltweit 140 Länderbüros kann im Falle einer Katastrophe schnell reagiert und gehandelt werden. Zudem hat ADRA Deutschland in den vergangenen Jahren einen Schwerpunkt im Bereich Wasser/Sanitär gesetzt. Dafür verfügen wir über eine Wasseraufbereitungsanlage, die häufig im Einsatz ist. Mithilfe dieser Anlage können Betroffene im Katastrophengebiet mit frischem Trinkwasser versorgt werden. Die Anlage produziert pro Stunde rund 4000 Liter Wasser.

Gabriel Schönfeld: Zudem kann ADRA nach Überschwemmungen, wie sie in den vergangenen Jahren in Deutschland und den Nachbarländern vorkamen, den Betroffenen mit über 300 Gebäudetrocknern helfen. In diesem Zusammenhang hat sich ADRA Deutschland mit der Anschaffung einer mobilen Anlage für sogenannte effektive Mikroorganismen (EM`s) weiterentwickelt. Diese Organismen können beispielsweise nach einer Flut eingesetzt werden, um Fäulnisbakterien in der Landwirtschaft zu beseitigen sowie unangenehme Gerüche aus betroffenen Häusern und Wohnungen zu ziehen. Die Organismen sind ein rein biologisches Produkt, die in der Anlage angesetzt und vermehrt werden können.

Frank Brenda,            Gabriel Schönfeld,
Leiter Soforthilfe       Soforthilfekoordinator