Herausforderungen und Chancen des sozialen Engagements im Ausland

Sich nach der Schule oder der Ausbildung freiwillig im Ausland engagieren – das ist der Wunsch vieler junger Erwachsener. ADRA bietet ihnen diese Möglichkeit. Bianca Greising-Kunkel, Koordinatorin Internationale Freiwilligenprogramme und Ingrid Martin, sozialpädagogische Betreuerin der Freiwilligenprogramme, sprechen im Interview über Herausforderungen und Chancen des sozialen Engagements im Ausland.

Freiwillige des Jahrgangs 2015/2016
Freiwillige des Jahrgangs 2015/2016

Über das Programm „weltwärts“ und den Internationalen Jugendfreiwilligendienst (IJFD) entsendet ADRA jährlich junge Erwachsene ins In- und Ausland, damit sie sich dort sozial  engagieren. Wie unterscheiden sich „weltwärts“ und der IJFD?

Das Programm „weltwärts“ konzentriert sich auf Projekte, die einen entwicklungspolitischen Schwerpunkt haben. Der IJFD erlaubt neben dem Dienst im entwicklungspolitischen Bereich auch den Einsatz in einem sozialen Projekt. Innerhalb beider Angebote beträgt die Dauer des Aufenthalts der Freiwilligen jeweils 12 Monate. 

Wie funktioniert die Auswahl der Teilnehmer für die jeweiligen Projekte?

Die Kandidaten können sich auf die von ADRA ausgeschriebenen Projekte bewerben. Allerdings wird von Beginn an klargemacht, dass ein Wunschplatz nicht garantiert werden kann. Nachdem die Bewerbungsphase abgeschlossen ist, findet ein dreitägiges Auswahlseminar statt. Bei diesem Seminar werden die jungen Erwachsenen auf bestimmte Kompetenzen geprüft und Bewerbungsgespräche geführt. Am Ende des Seminars findet eine Erstverteilung statt, danach wird dies gemeinsam mit den Freiwilligen besprochen.

Welche Kompetenzen werden während des Auswahlseminars geprüft?

ADRA prüft mittels geeigneter Auswahlspiele die Toleranz, Kreativität, Teamfähigkeit und das Durchhaltevermögen der Bewerber. Jedes Projekt stellt andere Herausforderungen an sie, deshalb müssen die Kompetenzen auf das zugeteilte Projekt passen.

Wie werden die Freiwilligen von ADRA auf ihren Einsatz vorbereitet?

Zuerst erhalten sie eine Einsatzplatzbeschreibung, damit sie sich genauere Vorstellungen von dem machen können, was auf sie zukommt. Zudem vermittelt ADRA den Kontakt zu den Freiwilligen, die derzeit im Einsatz sind. So können sich die zukünftigen Freiwilligen bereits im Vorfeld einige Tipps geben lassen. Im Rahmen eines 12-tägigen Seminars sorgt ADRA für eine intensive Vorbereitung und Aufklärung. Es gibt ein Sicherheitstraining, einen Gesundheitsworkshop sowie Workshops zur Gestaltung von Unterricht, falls die Freiwilligen während ihres Einsatzes an Schulen unterrichten müssen. Darüber hinaus wird viel über kulturelle Aspekte und Herausforderungen gesprochen, um den Kulturschock vor Ort möglichst zu minimieren. Während des Vorbereitungsseminars sind zwei Psychologen dabei, an die sich die jungen Erwachsenen stets wenden können. ADRA bemüht sich um eine ehrliche Vorbereitung und Aufklärung. Es wird nichts beschönigt, denn das würde nur falsche Erwartungen bei den Freiwilligen wecken.

Welche Probleme und Herausforderungen können während des Einsatzes auftreten?

Trotz der intensiven Vorbereitung durch ADRA haben manche Freiwilligen falsche Vorstellungen. Sie stellen sich die kommenden 12 Monate eher als eine Art Urlaub vor. Aus diesem Grund sind auch Einsatzländer wie Costa Rica und die Philippinen sehr beliebt. Zwar steht bei den meisten der Wunsch zu helfen im Vordergrund, doch nicht alle sind sich der Ernsthaftigkeit des Einsatzes bewusst. Zudem haben anfangs viele mit einem Kulturschock zu kämpfen. Im organisatorischen Bereich kann es zu Problemen kommen, beispielsweise dann, wenn keine angemessene Betreuung der Freiwilligen vor Ort gegeben ist oder die Tätigkeit nicht gemäß Vereinbarung ausgeführt werden kann.

Welche Erfahrungen sammeln die jungen Erwachsenen während ihres Freiwilligendienstes?

Sich 12 Monate lang in einem fremden Land sozial zu engagieren, kann für das weitere Leben der jungen Erwachsenen prägend sein. Die meisten von ihnen sind zum ersten Mal allein von Zuhause weg. Dann heißt es von jetzt auf gleich, sich selbst zu versorgen, sich auf eine neue Kultur und andere Menschen einzulassen und Verantwortung für andere zu übernehmen. Auf die Freiwilligen strömt während dieser Zeit einiges ein. Sie bekommen die Chance, einen Blick über den Tellerrand zu wagen und sich selbst besser kennenzulernen. Das Leben und Arbeiten in einer anderen Kultur ermöglicht ihnen, die eigene Gesellschaft zu hinterfragen und zu reflektieren. Außerdem setzt man sich automatisch mehr mit dem Thema Entwicklungszusammenarbeit auseinander. Die Freiwilligen werden generell mit Herausforderungen konfrontiert, auf die man in unserer Wohlstandsgesellschaft nur selten trifft. Das prägt die Persönlichkeit.

Bianca Greising –
Koordinatorin Freiwilligendienst & Volljuristin