Ernährungssicherung in Zeiten des Krieges in der Ukraine

Die Eskalation des Krieges in der Ukraine seit dem 24. Februar 2022 hat zu einer drastischen Verschärfung der humanitären Lage in der Ukraine geführt. Sie hat aber auch einen erschreckenden Einfluss auf die weltweite Ernährungssicherung.

Die Zahl der hungernden und unterernährten Menschen steigt kontinuierlich. Laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) haben 811 Million Menschen weltweit nicht die Möglichkeit, sich ausreichend und gesund zu ernähren, 44 Million Menschen in 38 Ländern sind von einer Hungersnot bedroht. 

 

Globale Abhängigkeiten münden im Hunger

In einer globalisierten Welt ist steigender Hunger und Unterernährung eng verknüpft mit verschiedenen Abhängigkeiten der Regionen untereinander. Hinzu kommen zahlreiche Herausforderungen rund um die COVID-19-Pandemie, gewaltsame Konflikte und nicht zuletzt der Klimawandel. 60 Prozent der hungernden Menschen auf der Welt leben in Konfliktgebieten, wie Jemen, Südsudan oder Syrien. Gefahren, welche durch den Klimawandel bedingt sind, wie zum Beispiel Überschwemmungen oder Dürren, beeinträchtigen das Leben von Millionen von Menschen und verschärfen Armut und Hunger. Die Pandemie hat zusätzlich Millionen von Menschen in die Ernährungsunsicherheit getrieben, da sie Produktion und Handel negativ beeinflusst hat.

Ohnehin ist die gerechte Verteilung der Nahrungsmittel eine Herkulesaufgabe und nun kommen die Herausforderungen des Krieges in der Ukraine hinzu, welche die Situation unweigerlich verschärfen.

Die internationale humanitäre Gemeinschaft und auch das weltweite ADRA-Netzwerk haben schon zu Beginn der Eskalation des Krieges in der Ukraine feststellen müssen, dass es eine enorme Abhängigkeit von ukrainischer und russischer Nahrungsmittelproduktion gibt.

 

Die Auslieferung und der Transport von Gütern ist durch zerstörte Infrastruktur (bspw. Häfen) und die allgemeine Gefährdungslage für Reedereien u.a. Akteure erschwert. Auch die Aussaat ist durch die Kriegshandlungen nur eingeschränkt möglich. Insbesondere Produkte, wie Weizen, Sonnenblumenöl, Mais als Futtergrundlage und Düngemittel werden durch die im Krieg involvierten Länder exportiert. Neben den tatsächlichen Kampfhandlungen und der Sicherheitslage vor Ort, sind es auch Sanktionen der EU und anderer Staaten, die zur Unsicherheit im weltweiten Handel beitragen. Die volle Wirkung wird erst zur Erntezeit im Herbst sichtbar sein und u.a. davon abhängen, inwiefern andere große Produzenten, wie die EU, Australien und die USA den Ausfall kompensieren und entsprechende Priorisierung vornehmen. Es wird sich zeigen, ob die Protektion der nationalen Märkte oder Flächenumwidmung (zum Beispiel von Futter – zu Nahrungsmittelproduktion) hinreichend realisiert werden kann.

 

Abhängigkeit von Lebensmittelimporten für Ostafrika

Schon am 1. März erhielten wir von unserem Regionalbüro in Afrika einen Überblick, der auf die übermäßige Abhängigkeit von Lebensmittelimporten aus Russland und der Ukraine hinweist und die negativen Auswirkungen zum Beispiel in Äthiopien, Somalia und Kenia benennt. Das Welternährungsprogramm (WFP) gibt an, dass 80 Prozent der Weizennachfrage in Ostafrika durch Importe aus Russland oder der Ukraine gedeckt werden. Weizen macht ca. ein Drittel des Getreideverbrauchs der Region aus. (https://docs.wfp.org/api/documents/WFP-0000137369/download/) Eritrea hat 2021 sogar seinen gesamten Weizen Import aus Russland (53 Prozent) und der Ukraine (47 Prozent) bezogen.

Der ausbleibende Regen der letzten Jahre verschlechtert die Situation zusätzlich für viele Menschen auf dem afrikanischen Kontinent und führt zu einer enormen Dürre. Die Zahl der Betroffenen ist schon dieses Jahr von 11 auf ca. 15 Mio. Menschen allein in den drei genannten Ländern gestiegen (https://reliefweb.int/report/ethiopia/under-secretary-general-humanitarian-affairs-and-emergency-relief-coordinator-0 ) Die Ernährungslage verschlechtert sich, und die Rate der schweren akuten Unterernährung steigt auf ein alarmierendes Niveau.

 

Bereits vom Hunger gefährdete Gebiete besonders betroffen

Andere Regionen, wie der Nahe Osten oder Nordafrika, sind von den steigenden Preisen und der voraussichtlich ausbleibenden Ernte aus der Ukraine und Russland ebenso betroffen. Ägypten importiert beispielsweise 60 Prozent seines Getreides aus Russland und 20 Prozent aus der Ukraine. Ähnliche Versorgungsengpässe könnten sich für Länder wie Libanon, Libyen, Jemen, Bangladesch und der Türkei ergeben. (https://www.swp-berlin.org/publikation/ukraine-krieg-und-ernaehrungssicherheit-umsichtige-food-first-strategie-fuer-den-herbst-entwickeln) Es sind insbesondere die bereits von Hunger und Unterernährung betroffenen Regionen dieser Erde, die von den Importen abhängig sind. Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) geht davon aus, dass der Krieg in der Ukraine zu einer globalen Versorgungslücke führen wird, welche internationale Nahrungsmittel- und Futterpreise um bis zu 22 Prozent erhöhen könnte. Dies wird voraussichtlich die Zahl der unternährten Menschen um bis zu 13 Mio. erhöhen (in 2022/23). Schon jetzt können wir einen Anstieg der internationalen Lebensmittel- und (Vieh-)Futtermittelpreise beobachten, auch weil aufgrund der negativen Prognosen die Nachfrage am Markt steigt.

Interdependenzen bestehen seit vielen Jahren, aber sie werden für uns mit jeder Krise sichtbarer. Unvorhergesehen Schocks, wie eine Pandemie oder ein Krieg in Europa, führen zu Risiken für Welternährung und Gesundheit. Daher wird es zukünftig immer wichtiger werden, Ressourcen, Konflikte, Umweltschutz und Nachhaltigkeit zusammen zu denken. Nur so werden wir unserer vernetzen Welt und der betroffenen Bevölkerung als auch unserer Umwelt gerecht.

 

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