ADRA unterstützt Opfer der Ukrainekrise

Seit Beginn der Ukrainekrise hat der Konflikt bereits über 8.500 Todesopfer gefordert und mehr als 2,4 Millionen haben nach Angaben des ukrainischen Sozialministeriums ihre Heimat verlassen. Gabriel Schönfeld, Soforthilfekoordinator bei ADRA Deutschland, erzählt, wie ADRA die Betroffenen auf dem Weg zurück in den Alltag unterstützt.

Wie ist die derzeitige Lage in der Ukraine?

Nach dem Friedensabkommen im vergangenen Sommer hat sich die Lage beruhigt. Ab und zu gibt es kleinere Gefechte an Brennpunkten, bei denen immer wieder Konflikte aufkommen. Diese Brennpunkte liegen an der Grenze, in der als unabhängig erklärten Region Donezk und Luhansk, die sehr umkämpft ist. An der Grenzlinie wird zwischen ukrainischen Gruppen und Rebellen gekämpft. Die Frage ist generell nicht, ob Gefechte auftreten sondern wann sie wieder auftreten. Das macht die gesamte Situation unberechenbar.

Sie waren selbst vor kurzem in der Ukraine. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?

Je näher man an die Pufferzone, also die Grenzlinie zwischen den besetzten Gebieten und ukrainischen Ursprungsgebieten rückt, desto sichtbarer wird der Schaden an den Gebäuden. Gerade durch Mörser wurden große Schäden angerichtet. Es gibt sehr viele Binnenvertriebene, die vom Osten der Ukraine in die größeren Städte im Westen geflohen sind. Die Rückkehr ist oft sehr zögerlich und solange der Konflikt anhält, bleiben viele Betroffene von ihrer ursprünglichen Heimat fern. Für die in der betroffenen Region Zurückgebliebenen, kehrt allmählich der Alltag ein und sie versuchen, aus ihrer Situation das Beste zu machen. Die Verzweiflung der Menschen und gleichzeitig die große Dankbarkeit für jegliche Hilfe von außen sind deutlich zu spüren. 

Womit haben Menschen am meisten zu kämpfen?

Ein großes Problem sind die zerstörten und reparaturbedürftigen Häuser, bei denen beispielsweise der Wind durchpfeift, was vor allem im Winter dazu führt, dass es sehr kalt wird. Gerade im ländlichen Bereich gibt es viele einfach erbaute Häuser mit Wellblechdächern, in denen die Menschen nicht ausreichend geschützt sind. Hilfe ist dringend notwendig. Ein weiteres großes Problem ist die Traumatisierung derer, die den Krieg unmittelbar miterlebt haben und vielleicht sogar Angehörige und Freunde verloren haben. An vielen Ruinen sind Blumen auf dem Boden niedergelegt, daran erkennt man gleich, dass an dieser Stelle jemand ums Leben gekommen ist. Das sind Dinge, die den Schmerz der Bevölkerung widerspiegeln. 

Wie hilft ADRA den Menschen vor Ort?

ADRA unterstützt Betroffene in den Regionen Luhansk und Donezsk, ihre kriegsbeschädigten Häuser zu reparieren. Die Häuser werden in die Kategorien „leicht beschädigt“, „mittel beschädigt“ und „stark beschädigt“ unterteilt und entsprechend wieder aufgebaut. ADRA liefert das benötigte Reparaturmaterial und mit der Hilfe von Bautrupps werden die Schäden behoben. Wenn es den Betroffenen möglich ist, helfen sie selbst beim Wiederaufbau ihrer Häuser mit. So werden die Menschen in den Prozess eingebunden, übernehmen für sich selbst Verantwortung und werden Teil des Ganzen. Zudem bietet ADRA psychosoziale Betreuung an. 

Was beinhaltet die psychosoziale Betreuung konkret?

Alles Psychologische wird in der Ukraine sehr stark stigmatisiert, deshalb bettet ADRA die Unterstützung für die traumatisierten Menschen in deren Alltag ein und schafft neutralen Boden. Es gibt verschiedene Arten, dies zu tun. ADRA bietet direkte therapeutische Maßnahmen an, bei denen in Einzelgesprächen bestimmte Thematiken aufgegriffen und aufgearbeitet werden können. Zudem werden Gruppentreffen organisiert, die vor allem für Kinder gedacht sind. Bei dieser Gelegenheit können sie miteinander spielen, sich austoben und einfach unbeschwert Kind sein. Außerdem gibt es festliche Veranstaltungen, zu denen ADRA alle Interessierten einlädt. Hierzu zählen Konzerte, Theateraufführungen oder Sportveranstaltungen, bei denen Kontakte zwischen ADRA-Mitarbeitern und den örtlichen Bewohnern geknüpft werden. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen und Vertrauen aufzubauen. Hinzu kommen physiotherapeutische Maßnahmen wie beispielsweise Massagen für die Betroffenen. Über die Massage kommt man miteinander ins Gespräch, die Menschen können über ihre Sorgen sprechen und können für eine Weile entspannen. So gelingt es, über Entspannung und Alltag näher an die Menschen heranzukommen, ihnen etwas Gutes zu tun und sie dafür zu gewinnen, über ihre Probleme zu sprechen. 

Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen ist die Situation im Land teilweise unberechenbar. Aber wagen Sie doch mal einen vorsichtigen Blick in die Zukunft.

Es wird auf Dauer Normalität einkehren, wenn die Lage so bleibt, wie sie derzeit ist und der Konflikt nicht wieder aufflammt. Viele Menschen werden in ihr ursprüngliches Zuhause zurückkehren, auch wenn es momentan noch langsam und schleichend passiert. Die Krise ist dann jedoch längst nicht vorbei, da manche Menschen aufgrund des Traumas oder ihrer zerstörten Existenz nicht einfach nach Hause gehen können. Weil das Handeln der Nichtregierungstruppen häufig rein zufällig ist und keiner Struktur folgt, bleibt die Situation unberechenbar. Dies ist und bleibt für die Menschen vor Ort und auch für ADRA hinsichtlich der Unterstützung der Betroffenen eine große Herausforderung. 

Gabriel Schönfeld, Soforthilfekoordinator