ADRA unterstützt ausgestoßene Frauen in Kenia

Zwangsehe und Genitalbeschneidung von Mädchen sind bei den Massai-Stämmen in Kenia eine feste Tradition. Die jungen Frauen sind den gesundheitlichen und seelischen Folgen aufgrund des sozialen Drucks hilflos ausgesetzt. Dawit Mehari, Länderkoordinator für Kenia, Äthiopien und Südsudan, spricht im Interview darüber, in welcher Form ADRA für die Betroffenen Hilfe leistet.

ADRA unterstützt ausgestoßene Frauen in KeniaHerr Mehari, Sie waren kürzlich auf Projektreise in Kenia. Welche Projekte führt ADRA dort durch?

Zuerst habe ich unser Projekt in Westkenia besucht, welches zum Ziel hat, Frauen zu helfen, die an Geburtsfisteln leiden. Betroffen sind Frauen, bei denen während der Geburt Komplikationen auftreten und kein medizinisches Fachpersonal in der Nähe ist, um durch einen Kaiserschnitt helfen zu können. Das ist in vielen ländlichen Gebieten Kenias der Fall. Genitalbeschneidung und Verheiratung im frühen Alter sind üblich. So kann es zu langen und komplizierten Geburten bis hin zum Geburtsstillstand kommen. 

Zu welchen Komplikationen kommt es konkret?

Der Kopf des Babys bleibt im Geburtskanal stecken und drückt auf das Gewebe des Unterleibes der Mutter. Die Blutversorgung wird unterbrochen und das Gewebe stirbt ab, eine Fistel entsteht. Das heißt, zwischen Vagina und Harnblase, manchmal auch zwischen Vagina und Darm, entsteht eine Verbindung oder Öffnung. Die Tortur der komplizierten Geburt dauert für die Frauen manchmal bis zu acht Tagen, oftmals überleben die Babys nicht. Rund jede dritte Frau stirbt dabei. Die Frauen, die überleben, sind inkontinent und haben Hygieneprobleme. Deswegen werden sie von ihren Männern verstoßen und leben von der Dorfgemeinschaft isoliert als Ausgestoßene. Das ADRA Projekt betreut 510 Frauen in den Distrikten Kisii, Nyamira und Homa mit medizinischer Versorgung und wiederherstellenden Operationen in sogenannten „Gynocare Fistula Centers“.

Gibt es neben der medizinischen Versorgung auch andere Hilfsaktivitäten für die betroffenen Frauen?

Neben der medizinischen Hilfe ist ein anderer Aspekt sehr wichtig, nämlich durch Aufklärungsarbeit und Bildungsmaßnahmen Geburtsfisteln zu verhindern. Nach der medizinischen Versorgung sollen die Frauen durch bildungsfördernde Maßnahmen gestärkt und ermutigt werden, eigene Einkommensquellen zu finden, um dadurch von ihren Männern unabhängiger zu werden. Ihren Fähigkeiten entsprechend gibt es verschiedene Angebote von Weiterbildungsmaßnahmen, zum Beispiel im Bereich Kleingärtenanbau, Ziegenhaltung, Schneidern oder Töpfern. Damit können sie selbständig und finanziell unabhängig werden. ADRA vergibt zudem Mikrokredite an Frauengruppen, damit werden sie auf ihrem Weg in die Selbständigkeit begleitet und erlangen Hintergrundwissen über Sparmöglichkeiten, Anleihen und Verkaufsstrategien.

Welche Projekte initiiert ADRA außerdem in Kenia? 

Neben den Frauen des Fistula-Projektes fördert ADRA das Rehabilitations- und Rettungszentrum Kajiado für rund 150 Mädchen, die vor Zwangsverheiratung, häuslicher Gewalt und Beschneidung Schutz suchen. Die Kajiado-Mädchenschule liegt zirka 80 Kilometer südlich von Nairobi und ist stark renovierungs- und erweiterungsbedürftig. Der Platz reicht nicht aus. In der Kultur der Massai werden die Mädchen sehr jung verheiratet, denn nach dem Ritual der Beschneidung gelten sie als Frau. Diese Zeit überbrücken die Mädchen in Kajiado und können dort die Schule weiter besuchen. Sind die Frauen erst einmal verheiratet, bleibt ihnen dieser Weg verwehrt. Nach einer Schulausbildung haben sie bessere Voraussetzungen für ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben. Ich habe die Mädchen besucht und mich davon überzeugt, dass sie in der Schule gut vorankommen. Drei Mädchen sind jetzt sogar auf der Universität, die anderen besuchen die Primär- und Sekundarschulen. 

Wie können die Massai-Mädchen vor dem Schicksal der Beschneidung und Zwangsverheiratung bewahrt werden?

Aufklärungsarbeit ist wichtig, da sich nur so etwas in der Gesellschaft verändern kann. ADRA führt Aufklärungsveranstaltungen mit der Regierung, örtlichen Behörden und Ehrenamtlichen durch. Ehemalige Fistula-Patientinnen arbeiten als Botschafterinnen, sie leiten Betroffene an die Kliniken weiter und leisten Sensibilisierungsarbeit in den Dörfern. Auch in Kenia wurde am 23. Mai der Welt-Fistula-Tag gefeiert. Ich habe an diesem Tag zwei Veranstaltungen besucht. Gemeinsam mit Vertretern aus Regierung, Wirtschaft, Medien, lokalen Organisationen und der Bevölkerung bot dieser Tag eine gute Plattform, die Themen Beschneidung und Geburtsfisteln in die Öffentlichkeit zu bringen. Ehemalige Patientinnen haben auf den Veranstaltungen ihre Geschichten erzählt und berichtet, wie ADRA ihnen geholfen hat. Das hat sie gestärkt und ihr Leben verändert. Mir zeigen diese Berichte, dass unsere Arbeit bei ADRA wichtig und sinnvoll ist.

Dawit Mehari, Länderkoordinator für Kenia, Äthiopien und Südsudan