ADRA leistet Gesundheitsversorgung für Geflüchtete im Jemen

Die humanitäre Lage im Jemen ist aufgrund der andauernden politischen Konflikte katastrophal. Geflüchtete und Binnenvertriebene haben kaum Zugang zu gesundheitlicher Versorgung. Lukas Driedger, Länderkoordinator Jemen und Somalia, berichtet im Interview, wie ADRA die Menschen im Jemen unterstützt.

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Jemen ist ein wunderschönes Land mit einem viel zu schlechten Ruf. Es gibt dort beeindruckende Gebirge und eine abwechslungsreiche Architektur, auf den Bergspitzen finden sich jahrhundertealte kleine Dörfer. Die Menschen sind sehr gastfreundlich. Wenn man nicht viel über den Jemen weiß, verbindet man mit ihm generell schlechte Attribute wie Krieg und Armut – das wird dem Land und den Menschen meiner Ansicht nach jedoch nicht gerecht. 

Wie ist die aktuelle Lage im Land?

Derzeit laufen Friedensgespräche in Kuwait. Sie liegen aber eher auf Eis, es geht weder vor, noch rückwärts. Glücklicherweise finden gerade etwas weniger Kämpfe statt und Luftangriffe auf die Hauptstadt Sanaa bleiben aus. Auch in Hudaidah, dem Projektgebiet von ADRA, gibt es derzeit keine Luftangriffe, trotzdem ist die Lage sehr angespannt, weil der Bezirk nah an der Hauptstadt liegt. Falls die Friedensgespräche scheitern sollten ist zu befürchten, dass jemenitische Regierungstruppen irgendwann eine Offensive auf die Hauptstadt, die immer noch von Houthi-Rebellen besetzt ist, starten. Das wäre erneut eine Verschärfung der ohnehin katastrophalen Lage.

Wie hängen die Zustände im Land und die kritische Ernährungssituation der Menschen miteinander zusammen?

Es existiert immer noch eine Seeblockade, sodass nur wenige Güter ins Land kommen. Das ist vor allem beim Treibstoff kritisch, da er im Land sehr teuer und nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen ist. Auch Medikamente sind rar geworden und die Versorgung mit Nahrungsmitteln stellt ebenfalls ein großes Problem dar. Jemen ist etwa zu 90 bis 95 Prozent von ausländischen Lebensmittelimporten abhängig, da das Land selbst größtenteils nicht landwirtschaftlich nutzbar ist. Es trifft die Bevölkerung sehr hart, wenn nur geringe Gütermengen importiert werden. Die ohnehin hohen Mangelernährungs- und Unterernährungsraten sind in den vergangenen Monaten weiter angestiegen. 2015 hatten bereits 12 Millionen Jemeniten keinen ausreichenden Zugang zu Nahrung, mittlerweile sind es über 14 Millionen. Kleinkinder sind besonders betroffen: Die prozentuale Rate der Mangelernährung bei Kindern im Jemen ist weltweit mit am höchsten. 

In welcher Form leistet ADRA Hilfe für die Betroffenen?

Bereits seit Jahren engagiert sich ADRA Deutschland im Jemen. Seit über einem halben Jahr ist ADRA im Regierungsbezirk Hudaidah mit zwei mobilen medizinischen Einheiten aktiv. Zuvor betrieb ADRA eine ambulante Klinik im Mazraq Camp III im Regierungsbezirk Hajjah, in der Geflüchtete medizinisch versorgt wurden. Aufgrund von Luftangriffen musste das Flüchtlingscamp evakuiert werden und auch die ambulante Klinik von ADRA konnte aus Sicherheitsgründen nicht bestehen bleiben. In Hudaidah sind die zwei mobilen Einheiten in verschiedenen Distrikten unterwegs, um mit der Hilfe von Ärzten und Pflegepersonal die medizinische Grundversorgung sicherzustellen. Eine Hebamme betreut Schwangere und Mütter. In einem separaten Therapieprogramm werden unterernährte Kinder und Frauen mit Zusatz- und Aufbaunahrung behandelt. Als präventive Maßnahme werden für die wartenden Patienten Gesundheitsschulungen mit Informationen zu Mangelernährung, Erkrankungen oder auch zum sicheren Verhalten in Konfliktgebieten (Schutz vor Landminen) durchgeführt.

Mit welchen gesundheitlichen Problemen haben die Menschen neben der Mangelernährung noch zu kämpfen?

Die Geflüchteten sind Wetterextremen wie Hitze, starkem Wind und hoher Luftfeuchtigkeit teilweise schutzlos ausgeliefert, weil sie kein Dach über dem Kopf haben. Bedingt durch diese schlechten Lebensbedingungen sind die häufigsten Krankheiten Atemwegsinfektionen, Durchfallerkrankungen, Harnwegsinfektionen, Malaria und Hauterkrankungen. Unter den vorherrschenden Voraussetzungen sind diese Krankheiten oftmals lebensgefährlich. Schon eine Erkältung kann bei einem unterernährten Kind zum Tod führen.

Mit welchen Herausforderungen ist ADRA konfrontiert?

Die Binnenflüchtlinge sind aus Angst vor Angriffen ständig in Bewegung und verharren nicht lange an einem Ort, was die langfristige Versorgung von unterernährten Kindern und kranken Erwachsenen erschwert. Diese Menschen und auch die Helfer von ADRA müssen lernen, mit dieser lebensbedrohlichen Lage umzugehen. Außerdem erschwert der Treibstoffmangel die Arbeit von ADRA. Das Projektgebiet wird von bewaffneten Gruppen kontrolliert, welche über eigene Checkpoints verfügen und auch ADRA-Mitarbeiter wegen Kleinigkeiten anhalten, weil es angeblich Unklarheiten wegen administrativer Angelegenheiten gibt. Wichtige Medikamentenlieferungen kommen aufgrund dessen häufig verspätet an, was für Betroffene schlimme Folgen haben kann. Es kam auch schon vor, dass Fahrzeuge von Hilfsorganisationen zeitweise beschlagnahmt wurden. Trotzdem bleiben die ADRA-Mitarbeiter vor Ort und leisten humanitäre Hilfe in dieser schon „vergessenen“ Krise. 

 Lukas Driedger

 Lukas Driedger, Länderkoordinator für Jemen und Somalia

 

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