Ein Land zwischen Terror und Hoffnung

Seit Monaten ist Ost-Afrika immer wieder in den Schlagzeilen. Die Hungerkrise nimmt nicht ab - im Gegenteil. Mittlerweile sind über 13 Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen - besonders in Somalia leiden die Menschen. Seit Jahren führt ADRA dort Hilfsprojekte durch. Jahn Fischer, Regionalkoordinator für den Bereich Afrika bei ADRA Deutschland und Manuel Schönfeld, Leiter der Abteilung Kommunikation bei ADRA Deutschland, waren in der Region, um die Lage vor Ort einzuschätzen und die laufenden Projekte zu begutachten.

Der Trinkwasserspeicher versorgt das Dorf

Die heiße Luft färbt sich braun, als die Räder unseres Flugzeugs auf der Sandpiste aufsetzen und die Propeller den Staub in die Luft katapultieren. Am 6. Oktober landen wir in einer kleinen 2-Propeller-Maschine der Vereinten Nationen auf dem Flughafen in Garowe, der Hauptstadt Puntlands.

Puntland ist eine "faktisch autonome" Region Somalias. Das Lexikon, das ich zu Rate ziehe, hat die Definition "faktisch autonom" mit Bedacht gewählt, denn in einem Land, in dem Terror und Anarchie an der Tagesordnung sind, gibt es keinen Staat, der seine Autonomie effektiv verteidigen könnte. Ebenso wenig kann er seine Bewohner schützen, weder vor Terroranschlägen wie der Autobombe, die am 4. Oktober in Mogadischu mehr als 70 Menschen in den Tod riss noch vor dem Hunger, der nach Angaben der UN allein im Süden Somalias das Leben von über 29.000 Kleinkindern forderte und das von knapp einer Million Kindern bedroht.

In den 10 Tagen, die wir in Somalia verbringen, reisen wir in unterschiedliche Teile des Landes, um ADRA-Projekte zu besuchen. Wir wissen, dass wir uns aufgrund unserer Hautfarbe besonders vor Übergriffen in Acht nehmen müssen.

Wir beginnen mit einem Projekt zur Trinkwassergewinnung etwa eine Stunde von Garowe entfernt. Das ADRA-Gebäude dürfen wir nur mit einer speziell ausgebildeten Schutzeinheit verlassen: 3 Somali mit Maschinengewehren. Unsere Bewacher scheinen ausgemergelt, aber froh, jetzt eine Anstellung zu haben, die ihnen das Überleben sichert. Außerdem sind sie von der UN als Wachpersonal ausgebildet worden. Am Wasserspeicher angekommen, werden wir vom Ältesten der Kommune empfangen. "Der Speicher versorgt das ganze Dorf - etwa 2.400 Menschen - mit Trinkwasser", erzählt er uns. Doch nicht nur er ist dankbar für die Unterstützung von ADRA. Auch wir freuen uns über die gute Arbeit der Kommune, die den Wasserspeicher über die Zeit unterhalten und so das Projekt nachhaltig gestaltet hat.

Wenige Tage später brechen wir auf eine anstrengende Reise nach Eyl auf. Die Fahrzeuge kommen auf den staubigen, holprigen Straßen nur langsam voran. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Personen aus anderen Landesteilen nach Eyl gekommen, um den Ort als Ausgangspunkt für Piratenaktivitäten zu nutzen. Aufgrund der äußerst beschwerlichen Reise ist ADRA die einzige Hilfsorganisation vor Ort. Wie schon bei all den Besuchen zuvor, werden wir mit tiefer Dankbarkeit empfangen. Der Bürgermeister erzählt uns: "Nach dem Tsunami in unserer Region hat ADRA eine ganze Reihe von Wassertanks installiert. Wenn es um Wasser geht, ist ADRA in den Gedanken der Menschen hier so verbreitet, dass wir in einem Restaurant inzwischen um ein Glas ADRA bitten, wenn wir ein Glas Wasser bestellen".

Bevor wir am nächsten Tag wieder nach Garowe fahren, besuchen wir noch eine der Schulen, die von ADRA vor Ort unterhalten werden. Die Schüler lernen dort Geschichte, Englisch und Geografie. ADRA unterstützt zahlreiche Einrichtungen in Somalia mit insgesamt 33.000 Schülern und versorgt 125.000 Menschen mit Nahrungsmitteln und Wasser.

ADRA will den Menschen in Somalia langfristig zu mehr Selbstständigkeit verhelfen. Daher ist eine enge Zusammenarbeit mit den Kommunen wichtig. Nur so kann das Land nachhaltige Veränderung erleben. Wir wissen, dass diese Hoffnung auf Veränderung erst durch die Hilfsbereitschaft der Menschen in Deutschland und anderen Ländern ermöglicht wurde und wird. Und so antworten wir den Menschen in Somalia auch, dass wir zukünftige Hilfe nicht versprechen können, aber dass wir die Hoffnung auf Unterstützung in unser Land weitertragen.