Schneechaos auch in Afghanistan - Hunderttausende Afghanen vom Winter bedroht

Kälteeinbruch, Staus und Verspätungen: Für einige Tage versinkt Deutschland im Schnee. Unangenehm, aber nach einigen Tagen wieder vorbei. Ganz anders in Afghanistan. Hier ist der Winter für viele Afghanen eine Sache des Überlebens. Die UN sieht 200.000 Menschen durch die Kälte in Afghanistan bedroht. ADRA Deutschland hilft mit einem speziellen Winterprojekt.

Im Pyjama im Schnee

Die Situation hatte etwas Unrealistisches: Auf der einen Seite stand ich (Anm.: Fritz Neuberg, der Autor), fest verpackt mit einer Fleecejacke, darüber nochmals eine Outdoorjacke, Mütze und festes Schuhwerk. Auf der anderen Seite ein Afghane, der eine Bekleidung ähnlich einem Pyjama trug, dazu dünnen Plastikschuhe (Das Wort "Pyjama" kommt aus dem Hindustani, einer nordindischen Sprache, aus der sich die Standardsprachen Hindi und Urdu entwickelten. "Payjama" bedeutet "Beinkleid"). Nun trafen wir uns nicht in einem gemütlichen Büro, sondern mitten in den tief verschneiten, afghanischen Bergen bei eisigen Temperaturen. Die einzige Kleidung, die sie besitzen, entspricht unserer Sommerkleidung, eine billige Winterjacke oder normale Schuhe können sich viele nicht leisten. Wer es besser hat, besitzt zumindest eine Jeans-Jacke, die bei minus 10 Grad alles andere als nützlich ist.

Flucht nach Kabul

Immer mehr Menschen flüchten wegen der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen NATO und Taliban nach Kabul und werden hier in 17 Flüchtlingslager untergebracht. Zusätzlich kommen viele Afghanen in der Hoffnung nach Kabul, hier bessere Lebensbedingungen vorzufinden. Keine Arbeit, bitterste Armut, Dürren und harte Winter lassen Kabul als einzigen Hoffnungsschimmer erscheinen.

Tieren geht es besser

Doch für die meisten bleibt der Albtraum auch in Kabul weiter bestehen. Die Situation in den Lagern kann nur als katastrophal bezeichnet werden. Betroffen und beeindruckt zeigt sich Thomas Petracek, Projektkoordinator für Afghanistan: "Ihr Leben ist schlimmer als das von Bettlern geworden. Ohne Einnahmequelle der einer Anstellung haben sie weder zu essen noch eine Möglichkeit sich zu wärmen. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Bedingungen haben sie einen Zugang zu grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen. Bildung und Gesundheit sind weit außerhalb ihrer Reichweite und alles, was für sie zählt, ist ein Stück Brot, um den Tag zu überleben. Ihre Kinder haben keine Chance auf Bildung und damit auf eine bessere Zukunft. Diese Menschen haben keinerlei Hoffnung, jemals an ihre Heimatorte zurückzukehren, wenn sich die Lage in Afghanistan nicht verbessert. Man findet hier Armut in ihrer schlimmsten Form. Doch aufgrund der Fehlannahme vieler, dass Kabul gut versorgt und abgedeckt ist, werden Tausende ihrem Schicksal überlassen, das darin besteht, auf den Straßen und in Mülleimern nach Essensresten zu suchen, um zu überleben. Die hygienischen Bedingungen stellten sich als entsetzlich und unmenschlich heraus. Es gab nicht eine einzige Toilette mit Wasserspülung oder irgendeinen geeigneten Ort, um sich zu waschen oder zu baden. Verglichen mit diesen bedauernswerten Lagerbewohnern, lebten manche Tiere unter besseren Bedingungen." (Aus dem Projektantrag "Winternothilfe für IDPs, Rückkehrer und Bedürftige in Kabul und Umgebung").

Hilfe zur Selbsthilfe

ADRA Deutschland hat 187 der ärmsten und bedürftigsten Frauen in Kabul ausgesucht, die über 7.500 Decken für Betroffene nähen. Diese Frauen erhalten einen fairen und gerechten Lohn, mit dem sie ihre Familie unterstützen können. Die Betroffenen erhalten dicke, mit Baumwolle gefüllte Steppdecken, Holzkohle, Schuhe und eine 10 m² große Plastikplane (Die Plane dient zum Abdecken von Schäden in den Mauern, viele Häuser wurden in den unzähligen Auseinandersetzungen und Kriegen zum Teil stark beschädigt).