Sechs Monate nach dem Erdbeben in Nepal

Das Erdbeben im April 2015 war das schwerste Erdbeben in Nepal seit Jahrzehnten. Es führte zu zahlreichen Todesopfern und erschütterte die gesamte Himalaya-Region. Mit welchen Schwierigkeiten die Betroffenen ein halbes Jahr später noch zu kämpfen haben und was ADRA für sie tut, davon berichtet Nikolaus Kirchler, Regionalkoordinator Asien Süd, im Interview.

Wie ist die Situation in Nepal nach dem großen Erdbeben?

Ein halbes Jahr nach dem Erdbeben leben die Menschen immer noch in provisorischen Unterkünften. Die Regenzeit hat bisher verhindert, dass sie mit dem Wiederaufbau ihrer Häuser beginnen konnten. Zudem fehlen ihnen die finanziellen Mittel für den Bau von erdbebensicheren Gebäuden. Ein solches Haus kostet mindestens 4.000 Euro. Das monatliche Durchschnittseinkommen in Nepal beträgt nur 60 Euro. Außerdem verfügen sie nicht über die bautechnischen Kenntnisse und die Zeit, um ein erdbebensicheres Haus zu konstruieren. Schließlich müssen sie täglich auf den Feldern arbeiten, um ihren Lebenserhalt zu sichern.

Wie unterstützt ADRA die Betroffenen, damit sie ihre Situation verbessern können?

Im Rahmen der Soforthilfe hat ADRA schon Materialien in Form von Wellblechplatten für den Hausbau geliefert. Die Menschen haben diese Platten für ihre provisorischen Unterkünfte genutzt, da sie optimal gegen die Witterung schützen. Die Platten können sie jetzt für die Konstruktionen der Dächer der neuen Häuser verwenden. Das heißt, ADRA muss die Betroffenen nicht zweimal beliefern. Die Leute beschaffen sich jetzt Steine, Zement, Mörtel und Ähnliches. Zum Teil können sie vorhandenes Material wiederverwenden, einiges müssen sie aber kaufen. Eigentlich hat die Regierung Hilfsgelder zugesagt, wann diese ausgezahlt werden, ist jedoch ungewiss.

In der Zwischenzeit führt ADRA in elf „Village Development Committees“ (VDC) bautechnische Schulungen mit Experten durch. VDCs stellen die unterste Verwaltungsebene in Nepal dar. Pro VDC werden 60 Personen geschult, die wiederum in die Dörfer gehen und dort ihr Fachwissen weitergeben. Zusätzlich berät ADRA bezugsberechtigte Haushalte und hilft ihnen bei der Beantragung von staatlichen Fördermitteln.

Das Projekt wurde um den Bereich Wasser und Hygiene ergänzt. Warum war diese Erweiterung notwendig?

Das Erdbeben hatte Verschiebungen im Erdreich zur Folge, wodurch Brunnen und Quellen versiegt sind. Daher müssen die Menschen in den betroffenen Dörfern das Wasser aus größerer Entfernung holen. Das führt einerseits dazu, dass Arbeitskraft gebunden wird und andererseits, dass sich die hygienischen Bedingungen und die Gesundheit der Menschen vor Ort verschlechtern. Deswegen hat ADRA die Wiederherstellung von Brunnen und Wasserleitungen als ergänzende Hilfsmaßnahme in Angriff genommen. Der Bau von Toilettenhäuschen wird die Hygiene in den betroffenen Dörfern zusätzlich verbessern.


Wie geht es jetzt weiter? Sind weitere Hilfsmaßnahmen geplant?

Aufgrund von Treibstoffmangel durch Streiks an den Grenzen zu Indien, konnten einige Materialien noch nicht ausgeliefert werden, wie beispielsweise für den Bau der Latrinen. Das wird in den kommenden Wochen stattfinden. Zudem arbeitet ADRA an einer Langzeitstrategie für die nächsten drei bis fünf Jahre, in der auch die Finanzierung von Instandsetzungsarbeiten berücksichtigt wird.

Nikolaus Kirchler, Regionalkoordinator Asien Süd

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