„Übergriffe gegen Frauen werden zu häufig toleriert“

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen: Gewalt gegen Frauen ist trauriger Alltag – auf der ganzen Welt. Vergewaltigung, Prostitution, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, Körperverletzung, aber auch Unterdrückung und psychische Gewalt, die Auswüchse sind vielfältig. Jede dritte Frau weltweit hat schon einmal Gewalt erfahren.

Das geht aus einer Studie der Weltgesundheitsorganisation hervor. Die Studie besagt, dass Gewalt gegen Frauen in allen Ländern, in allen Kulturen und auch in allen Schichten vorkommt. Häufig schweigen betroffene Frauen, aus Furcht oder Scham.

Weltweit gehen Menschen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November auf die Straße und fordern ein Ende der Gewalt. In Kenia unterstützt ADRA mit zwei Projekten Frauen, die bereits Gewalt erleiden mussten. Gabriele Hansch, Leiterin der Programme Afrika, spricht im Interview über den Kampf gegen Gewalt an Frauen und wie es gelingt, den Betroffenen zu helfen.

Wo liegen die größten Probleme, was Gewalt gegen Frauen angeht?
Meines Erachtens nach ist das größte Problem, dass Gewalt gegen Frauen häufig toleriert wird. Das zieht sich durch alle soziale Schichten. Körperliche, sexuelle oder auch seelische Gewalt an Frauen ist im Alltag allgegenwärtig. Durch gesellschaftliche Veränderungen werden die traditionellen Rollen zwischen Frau und Mann in Frage gestellt. Dadurch geraten bestehende „Machtverhältnisse“ ins Wanken – das eskaliert oft in Gewalt.
Bei allen Formen der Gewalt gegen Frauen ist das gravierendste Problem, dass seelische und körperliche Narben zurückbleiben. Die Würde und Unversehrtheit dieser Frauen wird zutiefst erschüttert. Diese Verletzungen begleiten sie häufig ein Leben lang.

Wie kann man der Gewalt gegen Frauen, die sich in sexueller Gewalt, Tätlichkeiten, Prostitution, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, aber auch in Worten ausdrückt, beikommen?
Ich denke, hier gibt es keine generellen Patentrezepte. Groß angelegte Kampagnen haben zwar ein Bewusstsein geschaffen für das Problem, aber bisher wenig verändert. Wichtig ist der Einbezug der Männer, quasi eine Sensibilisierung zu einem gewaltlosen Miteinander und gewaltfreier Kommunikation. Dies sollte spätestens in der Schule beginnen, besser schon zu Hause.
Die sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Afrika hat in Konfliktgebieten mittlerweile unvorstellbare Dimensionen angenommen. Die Palette reicht von brutalen Vergewaltigungen mit lebenslangen Folgen, Haus- und Sexsklaverei, Zwangsverheiratung bis hin zu weiblicher Genitalverstümmelung mit bleibenden Schädigungen an Seele und Körper. Wichtig ist daher auch, dass sich weltweit Gerichte, Organisationen und Persönlichkeiten gegen die Gewalt an Frauen einsetzen. Auch Zivilcourage ist gefordert. Das Wegsehen bei angeblich familiären Auseinandersetzungen sollte nicht normal werden.

ADRA unterstützt in Kenia ein Projekt zur Behandlung von Geburtsfisteln und ein Schul- und Zufluchtszentrum für Mädchen. Was wird dort konkret für die Betroffenen getan?
In Kenia unterstützt ADRA vor allem Massai-Mädchen, weil es für sie besonders schwer ist den althergebrachten Traditionen, der Genitalverstümmelung und zwangsweisen Frühverheiratung zu entkommen. Es entstand ein Zufluchtsheim für diese Mädchen, wo sie Schutz finden und zur Schule gehen können. Langfristig können nur Bildung und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen die schädigenden, traditionellen Praktiken aufbrechen. Insofern können unsere Absolventinnen viel dazu beitragen, dass sich die Gesellschaft verändert.

Ist bereits ein Umdenken in der Gesellschaft zu erkennen?
Die Massai selbst stellen ihre Tradition des Erwachsenwerdens, die für Mädchen mit Genitalverstümmelung einhergeht und auch ihr Nomadentum teilweise in Frage. Eine Veränderung hat also bereits begonnen.
Die Absolventinnen der Schule sind selbstbewusst und können später selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.

Werden sie nicht isoliert in ihrer Gemeinschaft, wenn sie dem klassischen Rollenmodell nicht mehr folgen?
In diesem Zusammenhang können wir bereits Erfolge feiern. Die ersten Absolventinnen haben nicht nur höhere Schulen, sondern auch ein Studium erfolgreich abgeschlossen. Sie sind eigenständig geworden - ganz zum Stolz ihrer Familien und Oberhäupter, die ursprünglich vehement gegen die Schulbildung der Mädchen waren. Diese Frauen sind die beste Werbung für das Projekt von ADRA und Hoffnungsträger für andere Mädchen. Sie genießen es, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen – dank Bildung – und ihren Lebenspartner selbst auswählen zu können. Diese starken Frauen werden die traditionelle Massai-Gesellschaft nachhaltig verändern.

Das Fistula-Projekt richtet sich gegen Ausgrenzung und soziale Isolation. Wie hilft ADRA den betroffenen Frauen?
Geburtsfisteln sind oft die Folge von Genitalverstümmelung oder auch fehlender medizinischer Unterstützung bei der Geburt. Die Betroffenen verlieren unkontrolliert Urin und/oder Stuhl. Wegen der starken Geruchsbildung werden diese Frauen meistens von ihren Männern verlassen und aus der Gesellschaft ausgestoßen. Teilweise werden sie sogar als Hexen stigmatisiert und von allen gemieden. Sie leben abseits der Gesellschaft und sind somit in doppelter Hinsicht Opfer. ADRA-Mitarbeiter machen diese Frauen mit ihren ‚Fistula-Botschafterinnen‘ ausfindig und ermutigen sie zu einer Operation. Auch anschließend unterstützt ADRA diese Frauen und hilft ihnen bei der Rückkehr in das soziale Leben. Sie erhalten einen Startbetrag für ein Kleinstunternehmen oder können zur Schule gehen - je nach Alter. 

Welchen Einfluss hat eine solche Operation für das weitere Leben dieser Frauen?
Es sind die dankbarsten Frauen, die ich je gesehen habe während meiner langjährigen Arbeit für Menschen in Afrika. Sie fühlen sich beschenkt mit einem neuen Leben. Ich hatte das Privileg eine solche Frau, die erst im Alter von 60 Jahren von der Möglichkeit einer wiederherstellenden Operation erfuhr, kennenzulernen. Ihr Lächeln „erleuchtete“ die ganze Hütte.

Unterstützen Sie das Projekt in Kenia zur Behandlung von Geburtsfisteln - unter dem Stichwort „Fistula". > Zum Online-Spendenformular