Bildung verändert die Gesellschaft in Somalia

Seit rund 25 Jahren engagiert sich ADRA im Bildungssektor in Somalia. ADRA verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz, der sowohl den Aufbau von Infrastruktur fördert, die Bildungsministerien und -institutionen unterstützt und gleichzeitig die Partizipation der lokalen Bevölkerung sicherstellt. Lukas Driedger, Länderkoordinator für Jemen und Somalia, erläutert im Interview die Inhalte der aktuellen Programmphase im Süden Somalias.

Diese Schule wurde neu gebaut.

Die ersten Kinder werden eingeschult.

Unterricht in der neuen Schule.

ADRA hat dieses umfangreiche Bildungsprogramm 2012 gestartet. Was ist der Hintergrund?

Der über Jahrzehnte dauernde Bürgerkrieg hat eine komplette Destabilisierung des Landes zur Folge, die bis heute in Somalia anhält. Im Zuge dessen wurde fast das gesamte öffentliche Bildungswesen zerstört. Deswegen verzeichnet Somalia mit weniger als 30 Prozent eine der niedrigsten Einschulungsraten weltweit. ADRA engagiert sich seit rund 25 Jahren für den Wiederaufbau des Bildungssektors und da es seit 2012 wieder eine offizielle Regierung gibt, arbeiten wir eng mit dem Bildungsministerium zusammen.

Welche Inhalte umfasst das Bildungsprogramm derzeit?

In der laufenden Programmphase bauen wir weitere zehn Modellschulen in verschiedenen Regionen Südsomalias, in denen zukünftig 16.000 Kinder eine gute und kostenfreie Schulausbildung erhalten werden. Bis jetzt sind acht Schulen fertiggestellt worden, eine davon in der Hafenstadt Kismayo, die ich kürzlich besuchen konnte. Die ersten Kinder haben sich dort bereits angemeldet. Teil unseres Modellschulansatzes sind nicht nur die Schulgebäude an sich, sondern beispielsweise auch Stipendien für die Kinder, damit sie sich die Schuluniformen und Schreibmaterial leisten können sowie die Unterstützung der Lehrergehälter, bis der somalische Staat dies übernehmen kann. Die Schulen sind mit Photovoltaikanlagen ausgestattet und damit unabhängig vom kaum vorhandenen Stromnetz. Somit benötigen sie auch keine schmutzigen Dieselgeneratoren. ADRA hat in der vorangehenden Programmphase bereits zwei solcher Schulen in Mogadishu und Baidoa aufgebaut. Die Solarenergie sichert den Unterricht für die Kinder und Jugendlichen in einer Region, in der Stromversorgung keine Selbstverständlichkeit ist. Das ermöglicht auch die Einführung von Computerunterricht. Neben den Modellschulen werden weitere Schulen sowie Ausbildungsstätten im Süden Somalias renoviert und unterstützt.

Warum werden innerhalb des Projekts vor allem Mädchen und junge Frauen unterstützt?

Leider wird in Teilen der traditionellen somalischen Gesellschaft die Bildung von Mädchen nach wie vor für nicht notwendig erachtet. Oftmals ist es wichtiger, dass sie den Haushalt unterstützen und früh heiraten. Oder die Eltern haben nicht genug Geld, um die Schulgebühren für alle Kinder zu bezahlen. Dann werden die Jungen vorgezogen. Die Analphabetenrate von Frauen ist besonders hoch. Das Projekt von ADRA setzt diesem Missstand etwas entgegen indem es erstmals den Ausbau öffentlicher, kostenloser Schulen vorantreibt. Hier wird angestrebt, dass nahezu die Hälfte der eingeschulten Kinder Mädchen sind. Die Erfahrung aus vorherigen Projekten hat gezeigt, dass das ein realistisches Ziel ist. Nur gebildete und selbstsichere Mädchen und Frauen können zum wirtschaftlichen Aufschwung in Somalia beitragen.

Neben der Schulbildung für Kinder ist die Ausbildung junger Erwachsener Teil des Bildungsprogramms. Um was geht es dabei?

Nicht nur Kindern mangelt es an Bildung, auch viele Erwachsene sind Analphabeten. Deswegen bietet ADRA sowohl Alphabetisierungskurse als auch Berufsausbildung für junge Männer und Frauen an. Im Zuge dieser Ausbildungen können Frauen Berufe wie Schneiderin, Kosmetikerin, Friseurin oder Hilfskrankenschwester erlernen. Zusätzlich erlernen sie grundlegende kaufmännische Fähigkeiten, wie sie ein Geschäft eigenständig aufbauen und führen können. So werden die Frauen unabhängiger, können eine Anstellung finden oder auf selbständiger Basis ein eigenes Einkommen erwirtschaften. Dadurch verbessern sie ihre Stellung in der Gesellschaft. Von den Absolventen früherer Ausbildungsjahrgänge haben rund 70 Prozent eine Arbeitsstelle gefunden oder haben sich selbständig gemacht. Das zeigt, dass Frauen in Somalia erfolgreich sein können, wenn sie unterstützt und gefördert werden.

Aktuell herrscht eine Hungersnot in Somalia. Wie wirkt sich das auf das Projekt aus?

Die Hungersnot hat zur Folge, dass Menschen aus den Dörfern in die Städte abwandern, weil sie sich nicht mehr ernähren können. Sie hoffen dort eine Arbeit als Tagelöhner zu finden. So kommt es, dass die neuen Schulen im ländlichen Raum Schüler verlieren. Um dem entgegen zu wirken, wird ADRA an den neuen Schulen die Verpflegung der Schüler sicherstellen. Das wird verhindern, dass die Familien abwandern, weil ihre Kinder gut versorgt sind. Gekocht wird auf energieeffizienten Kochstellen, die deutlich weniger Brennstoffe benötigen als die sonst verwendeten Holzkohleöfen. Dies ist ein wichtiger, umweltschonender Aspekt, denn Abholzung und durch den Klimawandel noch verstärkte Desertifikation schreiten in Somalia weiter voran. Darüber hinaus hilft ADRA Somalia in der aktuellen Hungerkrise noch durch viele andere Aktivitäten, wie Verteilung von Nahrungsmitteln und Trinkwasser sowie der Verbesserung der Hygiene- und Sanitärsituation in Dörfern und Flüchtlingslagern, um den Ausbruch von Krankheiten zu verhindern.

 Lukas Driedger

 Lukas Driedger, Länderkoordinator für Jemen und Somalia

 

 

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